Alarmstufe: Rot

Wie ein rot unterlaufenes Auge bei Ella in einen Kampf ums Überleben ausartet und mich an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt.

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Insgesamt drei Mal war ich mit Ella im letzten Dreivierteljahr beim Tierarzt, immer wegen ihrem rechten Auge. Foto: Conny Engl
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Können wir nicht einfach im Bett bleiben? Foto: Conny Engl
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Carlos bringt nichts aus der Ruhe. Nicht mal ein Tierarzt-Besuch. Foto: Conny Engl

Etwas Feuchtes streichelt meine Wange. Langsam öffnen sich meine Augen, die eigentlich noch nicht bereit sind, die dunkle, stille, friedliche Schlafwelt zu verlassen. Ich blicke in Ellas hoffnungsvolles Gesicht, das so nah an meinem ist, als wolle sie gleich Mund-zu-Mund-Beatmung machen. Und meine Augen sind auf einmal hellwach ... Mir zieht es den Magen zusammen ... Das rechte Auge meiner Katze ist so rot unterlaufen, als hätte sie am Vortag eine wilde Party veranstaltet und zu viel getrunken. Doch meine Katze kann keinen Kater haben. Behutsam ziehe ich ihr Augenlid etwas runter und sehe mir das bedrohliche Rot an. Ich merke direkt, wie sich meine Sorgenfältchen tiefer in mein Gesicht graben, sie werden sich mit keiner Creme der Welt je wieder verjagen lassen.

Alle, die meinen Blog gerade zum ersten Mal lesen, werden sich jetzt vermutlich denken: „Warum dreht die denn gleich so durch? Ab zum Tierarzt und alles wird gut!“ Ja. Eh. Nur: Ein Tierarzt-Besuch mit Ella ist ungefähr zehn Mal so schlimm, als würde man mit einem ängstlichen Kind zum Zahnarzt gehen.

Warum nicht Carlos?

Ich ärgere mich über mich selbst, weil ich immer noch keine neue Transport-Box gekauft habe. Die alte ist mittlerweile zu klein für meine Katzen. Zum Glück gibt es Facebook. Auf meinen Post melden sich sofort zwei Freunde, die eine Transport-Box zu vergeben haben. Ich hole den neuen orangefarbenen „Käfig“ nach der Arbeit ab und stelle ihn zuhause auf meinen Couch-Tisch. Carlos – flink wie ein Wiesel – macht es sich sofort gemütlich in der Plastik-Höhle. „Wieso kann nicht Carlos das rot unterlaufene Auge haben?“, denke ich, während ich versuche ihn herauszuzerren. Für meinen neugierigen Kater wäre der Tierarzt-Besuch eine willkommene Abwechslung, ein spannender kleiner Ausflug. Ganz im Gegensatz zu Ella.

Karate-Cat

Als Ella das Ungetüm, das ich mit in ihr Revier gebracht habe, sieht, bringt sie sich sofort ganz oben auf der Wohnwand in Sicherheit. Mit angstgeweiteten Pupillen starrt sie die orange Bedrohung an. „Muz Muz, Mausi, komm runter ... alles okay!“ Keine Chance! Ich hole den Laserpointer – ihr absolutes Lieblingsspielzeug. Zack! Mit einem Satz ist Ella am Boden. Die Panik ist vergessen. Das einzige, das zählt, ist, wohin sich der rote Punkt bewegt. Ich schleiche mich von hinten an sie ran – leise und geschmeidig – wie ein Löwe an eine ahnungslose Gazelle. „Hab ich dich!“ Schnell versuche ich sie in die Box zu stecken, doch sie hat ihre Superkräfte zum Leben erweckt. Mit ihren Krallen setzt sich „Karate-Cat“ erfolgreich gegen die Box und mich zur Wehr und verschwindet sofort wieder in die Höhe. Das Ganze wiederholt sich dreimal. Beim vierten Mal lässt Ella der Laserpointer kalt. Nun kommt sie gar nicht mehr runter von ihrer Sicherheitsposition.

Es ist halb sieben Uhr am Abend. Genau jetzt wäre der Tierarzt-Termin. Mein Kopf war so rot wie Ellas Auge – vor lauter Anstrengung und vor Scham –, als ich der Tierarzt-Helferin übers Handy erkläre, dass ich es nicht zusammengebracht habe, die Patientin in die Transport-Box zu schaffen. Ich mache mir einen Termin für nächsten Abend aus und lasse mich erschöpft in die Arme meiner Couch sinken. Ella kuschelt sich zu mir und brummt zufrieden.

Nicht so zimperlich!

Nächster Tag: Bis zum Nachmittag ist mein Bauchweh wegen des bevorstehenden Arzt-Termins so groß, dass ich meinem Kollegen, der selbst zwei Katzen hat, von dem Kampf mit „Karate-Cat“ und meiner Verzweiflung erzähle. „Da darfst du nicht so zimperlich sein! Pack sie einfach am 'Krawattl' und steck sie in die Box. Fertig!“ „Mhm, der redet sich leicht“, denke ich und verdrehe innerlich die Augen. Bis zum Abend habe ich mir so viel Mut zugesprochen, dass ich Ella mit einer mir bisher unbekannten, so starken Selbstsicherheit am Nacken packe, mit meiner linken Hand ihre Beine zusammenhalte und sie dann von oben in die Box quasi einfach reinplumpsen lasse. Wow! Ich bin von mir selbst überrascht und gleichzeitig so stolz, dass ich mir auf die Schulter klopfe.

Doch die Euphorie verschwindet schnell. Denn Ella versucht sich pfotenringend und krallenschwingend aus ihrem Gefängnis zu befreien, als würde ihr Überleben davon abhängen. Im Auto verfällt sie schließlich in eine Angststarre. Kurz vorm Ziel halte ich den Geruch im Auto fast nicht mehr aus – mein armes Mausi hat sich vor Angst angemacht ...

Diagnose

Der Arzt hilft mir, Ella aus ihrem orangenen Schutzraum herauszuholen. Ich muss sie festhalten, weil sie flüchten will. Währenddessen tauscht der Doktor die nasse Decke in der Box gegen eine trockene Auflage aus und gibt mir Papiertücher, um Ella abzutrocknen. Er sieht sich ihr rechtes Auge an. Obwohl er es sicher in der Patientenakte nachgelesen hat, betone ich nochmal, dass Ella nun das dritte Mal in einem Dreivierteljahr eine Entzündung am Auge hat – und zwar immer am rechten. „Ich weiß“, sagt er nachdenklich, tropft Ella eine grellgrüne Flüssigkeit in ihr Auge und dreht das Licht ab. „Ich mache einen Fluorescein-Test. Damit kann ich feststellen, ob ihre Hornhaut verletzt ist“, erklärt der Arzt und verkündet kurz darauf: „alles gut, keine Hornhautverletzung!“ Der Grund für das rot unterlaufene Auge seien Herpes-Viren. Er gibt mir eine Salbe, die ich Ella zehn Tage lang zweimal täglich ins Auge schmieren soll. Dazu noch den Tipp: „Wenn Sie das tun, heben Sie Ihre Katze auf ein Bügelbrett oder irgendwo hinauf, wo sie sonst nicht hin darf. So weiß sie, was ihr bevorsteht und ist nicht jedes Mal ängstlich, wenn Sie sie hochheben und streicheln wollen.“

I-Tüpfelchen

Auf der Heimfahrt fängt es an ... Es hat sich schon angekündigt, aber ich habe gedacht – oder besser gesagt – gehofft, wir würden es vorher noch nach Hause schaffen. Aber die Natur macht eben, was sie will! Aus den zaghaften Tropfen, die der Himmel anfangs ausspuckt, wird schnell ein erbarmungsloses Niederflesseln. Ich seufze, als ich das Auto 500 Meter von meiner Wohnung entfernt parke. Ella schaut mich fragend an. „Ja, Maus, ich weiß, du willst heim. Wir müssen warten bis der Regen aufhört.“ Fünf Minuten vergehen ... zehn ... zwanzig ...

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Foto: Conny Engl

Die Wolken haben nicht vor, ihre Schleusen zu schließen. Super! Das ist genau das I-Tüpfelchen, das ich noch gebraucht habe, nach diesen zwei Tagen. Nach einer halben Stunde gefangen im Auto, das Ziel so nah, reicht es mir. Ich werfe die noch feuchte Decke über die Transport-Box, reiße die Tür auf und stapfe wütend durch den strömenden Regen Richtung Wohnungstür, die durch den Wasserschleier fast nicht zu sehen ist. Blöde Herpes-Viren!

Fortsetzung folgt ...

 

Weekend-Redakteurin Conny Engl ist seit einigen Monaten Katzenmama. Ella und Carlos heißen ihre beiden Mitbewohner, wobei sie scherzhaft einräumt, dass mittlerweile eher sie die Mitbewohnerin ist als umgekehrt. Auf weekend.at teilt sie ihre Erfahrungen und Erlebnisse und vieles mehr rund um das Thema Katzenhaltung.

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