Wahr oder falsch? 10 Gesundheitsmythen im Check

Was alle sagen, ist noch lange nicht wahr. Oder doch? Zehn medizinische Alltagsweisheiten im Check.

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Entschlacken - geht das überhaupt? Foto: KristinaJovanovic/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Millionen von Heranwachsenden wurden von wohlmeinenden Müttern, Großmüttern und Kantinenköchen mit Spinat traktiert. Und das, weil sich ein deutscher Physiologe 1890 bei der Bestimmung des Eisengehalts des Grünzeugs geirrt hat. Der Professor hatte unglücklicherweise Trockenware untersucht und war auf 3,5 Milligramm Eisen pro 100 Gramm gekommen. Dieselbe Menge an frischem Spinat enthält aber bloß 0,35 mg des Spurenelements, und das ist auch (im Unterschied zum Eisen im Fleisch) gar nicht besonders gut verwertbar.

Obwohl der Mythos vom grünen Kraftfutter schon seit Jahrzehnten entkräftet ist, wirkt er bis heute nach. Viel dazu beigetragen hat auch die Comic-Figur "Popeye the Sailor", dem der Verzehr von Dosenspinat übermenschliche Kräfte und exorbitant muskulöse Unterarme bescherte.

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Eisenlieferant Spinat? Weit gefehlt ... Foto: iprogressman/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Viele derartige medizinische Irrtümer, Märchen und Halbwahrheiten gibt es. Meistens erweisen sie sich als ebenso hartnäckig wie ein chronischer Husten oder ein Hautpilz. Manche dieser Mythen sind altehrwürdig, andere wiederum entstehen in Zeiten von Dr. med. Google neu und verbreiten sich in kurzer Zeit wie ein Grippevirus. Dieser Mythos ist alt, aber unverwüstlich.

1. Die "Verkühlung"

Wird man krank, wenn man "zu dünn" angezogen ist? Die Antwort lautet: Nur wenn man schwer unterkühlt wird, etwa bei einem Bergunfall, hat man ein erhöhtes Risiko, später eine Lungenentzündung einzufangen. Warme Kleidung schützt weder vor grippalen Infekten ("Verkühlung") noch vor der echten Grippe, weil beide Erkrankungen durch Viren ausgelöst werden. In der kalten Jahreszeit überleben Viren in der freien Wildbahn einfach besser, ohne dass man bis heute genau weiß, warum. Außerdem kann Kälte zu einem geschwächten Immunsystem führen, sodass man sich leichter Viren einfängt.

2. Nicht bei schlechtem Licht lesen!

Lesen Erwachsene bei schlechtem Licht, strengt das die Augen bloß an, und nachdem sie sich erholt haben, ist alles wieder gut. Vorsicht ist allerdings bei kleinen Kindern angebracht. Die können sich durch stundenlanges Starren auf das Smartphone im Dunkeln tatsächlich eine Sehschwäche einhandeln, wenn der an as Dämmerungssehen gewöhnte Augenmuskel verlernt, sich zurückzuziehen.

3. Entschlacken tut not

Auch bei der "Entschlackung" verhext ein sprachliches Bild den Verstand, um es mit den Worten des Philosophen Ludwig Wittgenstein auszudrücken. Im Körper entsteht nämlich gar keine "Schlacke", sieht man von jenem Stoffwechselprodukt ab, dessen wir uns auf der Toilette entledigen. Auch sonst reinigt sich der Körper selbsttätig mithilfe von Leber und Nieren, das ist ja auch der Job dieser Organe. Selbstverständlich ist gegen "Entschlackungskuren" nichts einzuwenden, etwas Fasten tut immer gut.

4. Die Zeitbombe im Mund

"Amalgam", eine hellgraue Zahnfüllung, seit weit über 100 Jahren in Gebrauch, besteht in der Tat zur Hälfte aus giftigem Quecksilber. Die andere Hälfte bildet ein aus Zinn, Silber und Kupfer bestehendes Metallpulver. Das Quecksilber reagiert mit diesem Pulver und bildet damit eine harte Masse. Darin ist das Gift gebunden und kann nicht raus. Ein Teil entweicht tatsächlich, aber es ist nicht geklärt, wie viel davon vom Körper aufgenommen und im Gewebe eingelagert wird. Glauben Sie jedenfalls nicht, dass alte Kassen-Plomben zwangsläufig zu Wahnsinn, Alzheimer, MS, Krebs, Depressionen, schweren Aggressionen oder Legasthenie führen (das und noch viel mehr wird den Plomben nachgesagt), das ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Sicher ist, dass eine Amalgamentfernung gefährlich werden kann, weil dabei große Mengen Quecksilber freigesetzt werden können.

5. Ein Schnapserl in Ehren

Dass Alkohol Fett auflöst, weiß doch jeder. Hochprozentiges nach dem Schweinsbraten oder dem Fondue kann demnach nur gut für die Verdauung sein, oder? Das Gegenteil ist der Fall - der Digestiv geht sofort ins Blut über, der Körper ist mit dem Abbau des Alkohols beschäftigt und kann sich nicht mehr so gut mit dem Schweinsbraten beschäftigen. Was längst auch experimentell bestätigt wurde. Das gute Gefühl, das sich nach dem genossenen Schnaps einstellt, hat mit der Betäubung der Magenschleimwand zu tun. Es ist nichts gegen maßvollen Wein- und Biergenuss während des Essens einzuwenden, aber auch hier verlängert der Alkohol die Verdauung, statt ihr auf die Sprünge zu helfen.

6. Das Achterl fürs Herz

"Genusstrinken" soll angeblich gesund sein und vor kardiovaskulären Krankheiten schützen. Gerne kommen derartige Studien aus Weintrinkerländern wie Frankreich oder Italien. Kanadische Wissenschafter haben sich 87 Studien zu moderatem Trinken vorgeknöpft und mussten feststellen, dass die Beweislage für eine lebensverlängernde Wirkung sehr, sehr dürftig ist. Außerdem muss man sagen, dass man diese "Genusstrinker" in Österreich mit der Lupe suchen muss. Der durchschnittliche männliche Alk-Konsument schluckt rund 21 Liter reinen Alkohol pro Jahr - das ist weitaus mehr als der Arzt empfiehlt.

7. Das brachliegende Hirn

Dass wir nur "10 Prozent unseres Gehirns nutzen", ist fix in das Standard-Repertoire an Alltagsweisheiten gemeißelt und findet sich auf Millionen von Powerpoint-Folien. Dahinter steckt natürlich die Verheißung, dass jeder ein Genie sein könnte, wenn er nur wollte. Angeblich stammt die bahnbrechende Erkenntnis von Albert Einstein, doch der hat das nie gesagt. In Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren hat sich gezeigt, dass es auch gar nicht stimmt. Im Gehirn ist überall was los, alle grauen Zellen sind beschäftigt, keine Einzige tut nichts. Es gibt schlicht keine brachliegenden Areale.

8. Zwei bis drei Liter täglich?

Besonders bei großer Hitze wie in diesem Sommer oder bei sportlicher Betätigung ist Flüssigkeitsaufnahme wichtig, keine Frage. Doch die weitverbreitete Sorge, zu wenig zu trinken - sie führt unter anderem dazu, dass Leute eine App verwenden, die sie ans Trinken erinnert -, ist übertrieben. Man kann nicht unbemerkt dehydrieren, es genügt, die Tagestrinkmenge etwas im Auge zu behalten. Nur bei älteren Menschen oder Diabetikern hapert es mit dem Durstgefühl, die sollten sich tatsächlich zum Trinken zwingen.

9. Die "verschleppte Krankheit"

HIer spricht der Volksmund ausnahmsweise mal die Wahrheit aus. Grippale Infekte zu "verschleppen", also Fieber zu unterdrücken und krank zur Arbeit zu gehen, kann gefährlich werden. Der Kranke steckt nicht nur die Kollegen an, sondern riskiert unter anderem eine "Superinfektion" unter bakterieller Beteiligung. Da kann zum Beispiel aus einem Schnupfen eine Lungenentzündung werden.

10. Koffein senkt Alzheimerrisiko

Keine Fake News! Einer finnischen Langzeitstudie zufolge verringert sich das Risiko einer Alzheimerdemenz durch gewohnheitsmäßigen, langjährigen Kaffeekonsum. Auch laut WHO senkt der Konsum koffeinhaltiger Getränke das Risiko einer Demenz um 16 Prozent. Es ist allerdings nicht geklärt, ob alleine das Koffein dafür verantwortlich ist oder andere Inhaltsstoffe des Kaffees.