Mag ich nicht: Wieso Geschmäcker verschieden sind

Der eine kann bei Schokolade nicht widerstehen, den anderen lässt diese völlig kalt und er greift lieber zur deftigen Wurstsemmel. Wieso manche Menschen nun mal Brokkoli mögen und andere nicht, wird oft schon im Mutterleib festgelegt.

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Brokkoli oder lieber doch ein Eis?  Foto: fisher_photostudio/iStock/Thinkstock

Süß, salzig, bitter, sauer, umami – diese fünf Geschmacksrichtungen nehmen wir mit unseren rund 6.000 Geschmacksnerven im Erwachsenenalter war. Je älter wir werden, desto weniger schmecken wir, ein Säugling kann sich noch über 12.000 Geschmacksnerven freuen, im Seniorenalter muss man dann mit knapp 3.000 vorlieb nehmen. Naja, zum Glück kann man ja nachwürzen. Ob wir aber generell mehr auf Süßes stehen oder lieber salzig und deftig essen, liegt nicht nur an uns, sondern entscheidet sich auch schon im Mutterleib. 

Was die Mama isst

Der Säugling wird bereits im Mutterleib von den Ernährungsvorlieben der Mutter geprägt. Im 2. Monat der Schwangerschaft entwickelt sich der Geschmackssinn. Je nachdem, was die Frau in der Schwangerschaft zu sich nimmt, nimmt auch das Fruchtwasser einen anderen Geschmack an. Isst eine Frau viel Süßes, wird auch das Kind später verstärkt auf diesen Geschmack reagieren. Wessen Mutter in der Schwangerschaft also lieber zu Schokolade als zu Essiggurken gegriffen hat, kann ja mal versuchen, ihr die Schuld daran zu geben, dass man einfach keinem Stück Torte widerstehen kann … Aber ganz so einfach sollte man es sich doch nicht machen, auch kulturelle Prägungen spielen eine Rolle bei der Entwicklung der eigenen Geschmackspräferenzen. 

Süß geht immer

Die Vorliebe für Süßes und den Geschmack umami ist uns angeboren, Bitteres hingegen lehnen Kinder die ersten Lebensjahre grundlegend ab. Das hat auch einen tieferen Sinn: Die Natur hat es so eingerichtet, dass giftige Lebensmittel selten süß schmecken, sondern eher bitter. Deswegen ist es vernünftig, den bitteren Geschmack erst mal abzulehnen, man weiß ja nie … Das gilt auch dann, wenn die Mama versucht, dem Kind den gesunden Radicchio schmackhaft zu machen – eine gewisse Skepsis wird da vorerst vorhanden sein. 

Viel- und Wenigschmecker

Genetisch bedingt ist das Ausmaß, in welchem wir schmecken. Es gibt Menschen, die sehr sensibel reagieren, dann wieder solche, die einfach von Natur aus wenig schmecken – und den Großteil der Weltbevölkerung, der ein normales Geschmacksempfinden hat. Entscheidend dafür, in welche der drei Gruppen wir gehören, ist die Anzahl der Geschmacksknospen, die wir in die Wiege gelegt bekommen haben. 

Was der Bauer nicht kennt …

Isst er auch nicht. Das Sprichwort ist durchaus ernst zu nehmen. Im Laufe der Zeit entwickeln wir, abhängig von der Kultur, in der wir leben, bestimmte Präferenzen. Plötzlich schmecken uns auch bittere Lebensmittel, man denke nur an Kaffee und Bier. Der Käste darf auch mal ordentlich stinken, das gilt dann als echte Delikatesse. Einwohner von Ländern, in denen ein bestimmtes Nahrungsmittel nicht gegessen wird, würden bei so einem Stinkekäse aber sofort Reisaus nehmen. In China beispielsweise kennt man Käse nicht, die meisten Chinesen sind auch laktoseintolerant. Was die Menschen, mit denen man zusammenlebt, häufig essen, übernimmt man und gewöhnt sich an den Geschmack. So greifen wir gerne zu Garnelen, würden aber einen ähnlich aussehenden Engerling entschieden ablehnen. 

Das Auge isst mit

Unser Geschmackssinn arbeitet nicht völlig autonom, das Auge hat da schon ein Wörtchen mitzureden. Je nachdem, wie appetitlich eine Speise aussieht und angerichtet ist, schmeckt sie uns auch. Und werden Nahrungsmittel verfälscht, schmecken sie anders. So wurde bei einem Experiment bei einer Weinverkostung ein Weißwein rot eingefärbt – und schon wurden ihm von den Experten Eigenschaften eines Rotweins zugeschrieben. So schnell kann man unseren Geschmackssinn also auch hinters Licht führen. 

Mehr vom Gleichen bitte

Auch wenn die eigene Mutter eine Schokoliebhaberin war, kann man sich selbst umerziehen. Je mehr wir von einer bestimmten Speise essen, desto öfter verlangen wir auch danach. In der Psychologie wird das als Mere-Exposure-Effekt bezeichnet. Je öfter man mit einem bestimmten Lebensmittel Kontakt hat, desto besser bewertet man es auch. Wer also ständig Lust auf Apfelstrudel hat, sollte sich einmal eine Zeit lang wirklich eisern zurücknehmen und stattdessen jedes Mal einen frischen Apfel essen. Nach einer bestimmten Zeit hat das Hirn umgelernt und wird beim nächsten Magenknurren automatisch nach dem frischen Apfel verlangen. Durch langsame Gewöhnung kann man den Kindern auch beibringen, endlich einmal diesen ominösen Brokkoli zu mögen. 

Aber auch die andere Richtung ist möglich: Isst man ständig das gleiche Gericht, hat man spätestens nach dem dritten Mal genug davon und möchte lieber etwas anderes. Das wird als psychische Sättigung bezeichnet. Wer also zuviel gekocht hat, sollte es sich nicht antun, eine Woche lang das gleiche Gericht zu essen, sondern es lieber einfrieren, nach einer bestimmten Zeit schmeckt es einem dann wieder genauso gut wie beim ersten Mal. Durch diese Sättigung verhindert der Körper ganz von alleine, dass er zu einseitig ernährt wird – der beste Ernährungsexperte wohnt also in uns selbst. Übrigens, noch eine schlechte Nachricht für alle Low-Carb-Anhänger: Kartoffeln, Reis, Nudel und andere kohlenhydrathaltige Grundnahrungsmittel unterliegen keinem Sättigungseffekt, davon kann der Körper wirklich nie genug bekommen.