Der liebe Nachwuchs: Segen oder Beziehungskiller?

Sie schreien, schlafen eher selten durch und wenn die Zähne wachsen, ist das Drama groß: Kinder erfordern die ganze Aufmerksamkeit ihrer Eltern. Bedeutet das nun trautes Familienglück oder das Aus für die Liebe?

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Bereichert so ein kleiner Frechdachs die Beziehung oder doch eher nicht? Foto: STUDIOGRANDOUEST/iStock/Thinkstock

Früher oder später ist es soweit: Im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis beschließen immer mehr Paare, dass ein Leben zu zweit doch nicht so erfüllend ist und zu dritt alles besser wäre. Und ehe man sich's versieht, ist man zu Besuch bei den besten Freunden, von der Decke hängt keine Diskokugel mehr, sondern ein pädagogisch korrektes Mobile und man selbst heißt plötzlich nicht mehr nur Klaus und Anna, sondern der Name wurde durch den Zusatz Onkel und Tante bereichert – geschickt, denn irgendwann haben die neu erkorenen Verwandten so bestimmt große Lust zum Babysitten. Schließlich brauchen die frischgebackenen Eltern ja auch einmal Zeit für sich, denn so ein Kind kann ganz schön anstrengend sein. Dennoch lächeln die Eltern selig von einem Ohr zum anderen, beteuern mehrmals wie erfüllend und vollkommen so ein Kind die Liebe doch erst machen würde und bedauern im Stillen ihre kinderlosen Freunde, die nach wie vor meinen, etwas so nebensächliches wie Ausschlafen am Sonntag genießen zu müssen. Kinder und Beziehungskiller? Niemals!

Kinder, eine Bereicherung?

Eine Befragung in Deutschland ergab, dass 45 % der Männer und Frauen Kinder als Bereicherung empfinden und finden, dass sie einen positiven Einfluss auf die Partnerschaft haben. Das Gefühl, gemeinsam die Verantwortung für einen kleinen Menschen zu haben, kann in der Tat verbindend wirken. Ein kleines Du und Ich – der größte Liebesbeweis überhaupt. Man könnte allerdings anführen, dass man auch eine Einladung in das sündhaft teure Restaurant als Beweis durchgehen lassen würde …

Versicherung im Alter

Wieso wollen so viele Paare überhaupt Kinder? Darüber, dass einem nach der Geburt schlaflose Nächte und volle Windeln blühen, wissen die meisten Bescheid, dennoch scheinen sie sich nicht davon abhalten zu lassen. Der Großteil der Befragten gab als Grund für Kinder an, so auch im Alter nicht alleine zu sein und von den Kindern versorgt werden zu können. Eigene Kinder als Rentenversicherung? Was aber, wenn die sich entschließen auszuwandern und dem Elternhaus den Rücken zu kehren? Hat man dann 18 Jahre lang für nichts und wieder nichts Babybrei eingelöffelt, Einhornpflaster auf aufgeschlagene Knie geklebt oder mit 14-jährigen Teenagern fundamentale Erziehungsfragen erörtert?

Familienglück vs. Liebesglück

In einer Langzeitstudie wurden über 200 Paare acht Jahre lang beobachtet. Das Liebesglück schwand bei allen, unabhängig davon, ob sie Kinder hatten oder nicht. Doch die Forscher konnten zeigen, dass Kinder wie ein Brandbeschleuniger wirken und die Liebe schneller den Flammen zum Opfer fällt. Besonders die Zeit direkt nach der Geburt kann für viele Paare zur Herausforderung werden, die nicht alle meistern. Muss man sich nun vor die Wahl gestellt fühlen: Glück oder Kinder? Nein, da können die Forscher beruhigen. Denn auch wenn das Liebesglück schwindet, steigt das Familienglück.

Das Panda-Syndrom

Jede Medaille hat zwei Seiten: Ob man den neuen Lebensabschnitt mit Kind nun als erfüllendes Familienglück empfindet, oder ob man die Leidenschaft, die zwischen Schnuller suchen und Schuhe knüpfen zumeist auf der Strecke bleibt, vermisst, hängt von der Sichtweise ab. Fakt ist jedoch, dass Sex für frischgebackene Eltern auf der Prioritätenliste eher weiter unten angesiedelt ist. Das ganze hat sogar einen kuschligen Namen: Das Panda-Syndrom. Denn Pandas sind für die Fortpflanzung oft einfach zu faul. Und so geht es auch vielen Eltern: Ein ehemals feuriges Liebespaar ist plötzlich mit gemütlichem Löffelchen liegen vollauf befriedigt.

Schlaflos durch die Finanzkrise

Betrachtet man das Elternsein ganz nüchtern, erscheint es wirklich nicht immer erstrebenswert: Schlaflose Nächte verbringt man nicht mit wildem Sex, sondern mit einlullenden Schlafliedern, bei denen man meist selbst noch am ehesten eindösen könnte, man hat ständig Sorgen und kosten tun die lieben Kinder auch noch horrend viel – bis zur Volljährigkeit dürfen die fürsorglichen Eltern zwischen 100.000 und 200.000 Euro berappen. Wieso sind dann dennoch alle Mütter und Väter felsenfest davon überzeugt, durch Kinder das größte Glück auf Erden erfahren zu haben?

Schönreden ist alles

Eine Studie beschäftigte sich genau mit dieser Frage und bediente sich der Theorie der Kognitiven Dissonanz. Diese besagt, dass das eigene Handeln und Denken in Einklang sein muss. Und was nicht passt, wird eben passend gemacht und man erlernt die Kunst des Schönredens bis zur Perfektion. Die Forscher teilten die Eltern in zwei Gruppen ein: Einer wurden die finanziellen Belastungen von Kindern vor Augen geführt, der anderen wurde vermittelt, dass Kinder ja auch die Eltern im Alter finanziell unterstützen könnten. Wurden die Gruppen anschließend nach der emotionalen Bedeutung der Elternschaft befragt, fühlten sich die Eltern ganz besonders mit den Kindern verbunden und schätzten jede freie Minute, die sie mit ihnen verbringen konnten, die über die hohen Kosten Bescheid wussten. Sie idealisierten also ihr Dasein als Mama und Papa, um die hohen finanziellen Belastungen besser verschmerzen zu können. Wer sich sein schickes Sportcabriolet nicht mehr leisten kann, muss sich ja schönreden, dass der neue Van, dessen Neuwagengeruch nur allzu rasch dem von saurem Erbrochenem weichen musste, unheimlich bequem ist – auch wenn man mit dem riesen Ding nie einen Parkplatz findet.

Trittbrettfahrer

Die Forscher gehen sogar noch einen Schritt weiter: Weil bemühte Eltern das traute Familienglück dermaßen idealisieren und nicht müde werden, das auch ihren kinderlosen Freunden zu erzählen, stecken sie sie gewissermaßen an und erreichen, dass diese nun auch selbst einen Sprössling in die Welt setzen. Ist eh angenehm, denn so hat man wieder ein gemeinsames Thema, über die man stundenlang fachsimpeln kann.

Kinder oder nicht Kinder?

Bereichert der Nachwuchs nun das Leben und brauchen wir ihn für ein vollendetes Liebesglück? Kann uns eine kleine, heile Familie in dieser hektischen Welt ein Stück Geborgenheit schenken? Oder sind die lieben Kleinen zumeist teure Plagegeister, die wir uns – nun, wo sie schon mal hier sind – mit aller Kraft schönreden?

Weder noch kann die Antwort hier nur lauten. Denn ob man Kinder, und ein Familienleben als Papa und Mama Pandabär als Bereicherung empfindet oder ob man sich eher eingesperrt fühlen und um seine Unabhängigkeit trauern würde, ist Typsache und zum Glück immer noch jedem selbst überlassen. Eines ist jedenfalls klar: Für ein erfülltes, glückliches Leben sind Kinder nicht nötig – wer aber welche hat, sollte sich in vollen Zügen darüber freuen, und sich nicht zu viele Gedanken darüber machen, ob das jetzt Schönreden ist oder nicht.  

 

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