Mrs. Pailetti: Eva Poleschinski im Weekend-Talk

Seit acht Jahren ist die talentierte Steirerin Eva Poleschinski ein fixer Stern am Modehimmel. Von New York bis Tokio sind ihre Kollektionen gefragt. Trotzdem: Ihre Homebase bleibt Wien.

Eva Poleschinski - Cover
Eva Poleschinski ist weltweit gefragt Foto: Nadine Marie Wohlmuth

Von Hartberg in die weite Welt – war es für dich immer schon klar, dass Mode dein Ding ist?

Ja, relativ früh. Ich habe schon als Kind viel gebastelt. Mit 12, 13 war irgendwann klar, dass das mein Ding ist. Aber ich habe dann noch etwas gewartet mit der Ausbildung, nach der klassischen Matura Jus und BWL angefangen. Erst mit 20 habe ich meine Mode-Ausbildung im Ausland gemacht, sowohl für Design als auch für Fertigung und Schnittkonstruktion. Also wirklich alles, mir war es einfach wichtig, nicht nur „creative mind“ zu sein, sondern auch zu wissen, wie ich zu dem Resultat komme. Natürlich gibt es im Beruf einen Zeitpunkt, wo du nicht mehr alles selber machen kannst, das ist klar. Aber ich will wissen, was ich entwerfen kann, damit es umsetzbar ist, beziehungsweise auch, wie ich zu den Sachen komme.

Im Nebenraum nähen gerade zwei Damen. Wo werden deine Stücke gefertigt?

Es ist unterschiedlich. Das Top-Skirt-Dress, meine kommerziell ausgerichtete Linie, dieses Multifunitions-Teil, das man als Rock, Top oder Kleid tragen kann, sowie die Basic-Modelle von ep anoui werden innerhalb Österreichs gefertigt, aber nicht im Haus. Alles, was Braut, Anfertigungen, Sonderanfertigungen, Protokollektionen betrifft, machen wir hier. Hier sind immer auch die Kundentermine, das Design für die Stoffe – diese werden auch von mir selbst designt, das passiert alles hier im Up Store. Alles, was serielle Produktion betrifft, passiert nicht in-house. Aber in Österreich bzw. in Europa.

Woher kommt deine Vorliebe für Pailletten? Ist die noch aktuell?

(Lacht) Jaaaa, jajaa. Das hat sich entwickelt. Eigentlich war schon meine Diplomkollektion von Pailletten bestimmt. Das ist irgendwie mein Markenzeichen. Eine Zeit lang ist ja die Paillette in so einem 80er-Jahre-Retro-Richtung abgerutscht, vor ein, zwei Jahren war sie dann extremer Trend. Mir ist einfach wichtig, mit der Paillette andere Sachen zu machen. Wie in der Vergangenheit von ep anui: Wir haben sehr tolle Drucke auf Pailletten entworfen. Wir hatten auch eine sehr neue Paillettenform, nämlich die Schmelzpaillette. Das ist eine Stickerei, die mit Hitze behandelt worden ist und dadurch einen Shrink-Effekt bekommt. Es macht Spaß, die Paillette zu entfremden. Ich finde sie einfach wahnsinnig schön und vielseitig, und das ist mir wichtig zu zeigen. Wie z.B. in der Kollektion, die von Oscar Niemayer inspiriert ist, diese weiß-rote Kollektion: Hier haben wir die Paillette auf Nylon gegeben, das wirkt wie eine Malerei auf Haut. Oder die von Lanzarote inspirierte Schwarz-Weiß-Kollektion: Die wirkt so schuppenartig, dafür wurden die Pailletten übereinander gestickt. Dadurch bekommt es einen ganz neuen Look. Auch im Braut- und im Couture-Bereich ist Stickerei ein Riesenthema.

Stichwort Inspiration: Woher kommt die? Brasilianische Architekten, Lanzarote …

Ich reise sehr gerne. Und ich lasse mich sehr gerne auch von anderen Kulturen und Ländern inspirieren. Angefangen von der Architektur – das ist generell ein Riesenthema, da gibt es ganz tolle Sachen, die man wirklich auch wunderbar in Mode umsetzen kann. Die nächste Inspirationsquelle wird definitiv Marokko sein. Allein die Mosaikeinlegearbeiten, Reliefs, die wunderbaren Farbschattierungen in einer Farbpalette, in diesen Rosé-, Beige-, Wüstentönen, aber auch Off-White mit Blau-Akzent. Das finde ich in Marrakesch so schön.

Woran arbeitest du gerade?

Im Moment – an Brautkleidern! (lacht). Ich bin jetzt mit „Bridal and Eve Eva Poleschinski“ eigenständig mit Brautkleidern tätig. 90 Prozent entwickeln wir individuell für Kundinnen. Diese kommen mit einer gewissen Vorstellung zu uns und möchten meinen Designer-Point of View. Hier geht es sehr viel um Handwerk, tolle Materialien, um wirklich Unikatkreationen für Bräute zu fertigen.

Was kostet so ein Unikat – wo beginnt es?

Das ist wahnsinnig schwer zu sagen. Grundsätzlich fangen sie ab 2.000 Euro an. Wenn aber jemand kommt und sagt, er heiratet auf den Seychellen am Strand, zu zweit, möchte ein wirkliches Strandkleid auf Brautkleid, dann sind es oft nicht 2.000. Das ist wirklich schwer zu sagen. Aber von dem klassischen Wunsch einer Braut in Österreich ab 2.000 Euro.

Was ist bei den Bräuten derzeit besonders gefragt?

Dies hier sind Probekleider (zeigt zu den langen Kleiderstangen an der Wand). Es gibt Frauen, die kennen ihren Stil, die wissen genau, wie ihr Kleid aussehen soll. Mir ist es aber wirklich wichtig, Bräute bei der Anprobe in unterschiedliche Modelle zu kleiden. Einmal muss jede Braut „Sissi“ angehabt haben. Einfach um zu wissen, ob sie es will oder nicht will. Das ist der Ausgangspunkt. Der Hintergrund: Ich hatte zu Beginn meiner Selbständigkeit eine ganz, ganz liebe Bekannte, die der Inbegriff von Schlichtheit ist. Und kurz vor knapp kam dann der Satz: Mah, vielleicht wärs ja doch ein Sissi-Kleid gewesen gewesen!“. Da dachte ich mir: Wenn sogar sie auf die Idee kommt, vielleicht doch „Sissi“ sein zu wollen, stecke ich jede meiner Kundinnen einmal in so ein Kleid. Damit man für sich selbst das Gefühl bekommt: Wär es vielleicht doch etwas oder wirklich nicht? Es gibt einfach Frauen, denen passt „Sissi“ fantastisch. Da passt es super zum Typ. Einmal muss jede „Sissi“ sein!

Dein eigener Look hat sich in den letzten Jahren auch oft verändert. Hast du deinen Stil schon gefunden?

Ich habe meinen Stil, aber ich nehme mir die Freiheit, den auch regelmäßig zu verändern. Aktuell versuche ich, den Frühling reinzulassen. Und: Ich mag immer klassische Elemente, es hat eigentlich immer so einen funky Twist, auch wenn ich klassisch unterwegs bin. Ich mag so freaky Kombinationen. Und ich brauche immer so einen Eyecatcher, es ist meistens ein Vintage-Teil bei meinen Looks dabei. Aber ich finde einfach auch Veränderungen cool, nicht, weil man auf der Suche nach einer neuen Persönlichkeit ist, sondern weil Mode Spaß machen soll, unterstreichen, wie man sich fühlt. Ich finde es auch maßlos lustig, wenn man manchmal etwas anhat, und man merkt, dass dich JEDER anschaut, und du denkst dir: Mah, habts halt eine Freude dabei! Es passt, es ist Wurscht!

Viele österreichische Designer machen ihren Weg im Ausland, gehen nach Mailand, Berlin. War das für dich eine Option? Ist es schwerer, in Österreich als Designerin Erfolg zu haben?

Ich habe erst vor kurzem darüber nachgedacht. Ich bin jetzt seit fast acht Jahren selbständig, und ich finde es fantastisch, was sich in Wien in dieser Zeit entwickelt hat. Als ich mich selbständig gemacht habe, da hat es urwenig in Wien gegeben. Ich finde es total positiv, dass immer mehr Leute auch in Wien ihr Ding machen. Das prägt eine Stadt, das prägt auch ein Stadtbild. Ich zeige meine Mode auch international, mir ist es sehr wichtig, international präsent zu sein. Aber Wien ist für mich ein genialer Standort für die Homebase.

Also kam Ausland nie infrage?

Es gibt tausend Wege, die du theoretisch sicher auch mal angedacht hast. Aber du entscheidest dich für einen, und das war in meinem Fall, dass ich mich in Wien selbständig mache. Und ich finde es wahnsinnig positiv, wenn Leute in Wien ihr Ding machen.

Kann man auch in Österreich als Designer überleben?

Ich überlebe seit acht Jahren! Vielleicht reden wir in drei Jahren weiter, aber ich hab da durchaus ein sehr positives Gefühl, und es entwickelt sich sehr gut.

Wann sieht man deine Kollektionen wieder auf dem Laufsteg?

Auf dem Laufsteg im September in New York.

Also in Berlin heuer nicht?

Nein, in Berlin nicht. Aber in New York, am 18. September. Da bin ich wieder eingeladen, meine Mode dort zu zeigen.

Eva Poleschinski
Die steirische Designerin Eva Poleschinski liebt die Verwandlung Foto: Michele Pauty

Du hattest ja jetzt vier Monate lang einen Shop am Flughafen. Wie ist dein Resümée?

Es war eine supertolle Erfahrung, eine tolle Möglichkeit. Es war, jetzt total Revue passierend: tolle Kundenakquirierung, sowohl von nationalen als auch internationalen Kundinnen. Es war parallel zum Direktverkauf, der natürlich im Hauptfokus stand, eine tolle Marktrecherche: Wo sind Nischen? Wir sind jetzt – der Flughafen-Shop lief bis 17. Februar – stark dabei, die Erfahrungen, die wir dort gesammelt haben, umzusetzen, die Kundinnen, die wir akquiriert haben, weiter zu forcieren. Ein Thema als Beispiel: Diese Basiskleider von ep anoui gibt es mittlerweile bis Größe 48. Das sind Schnitte, die man sowohl am Abend als auch untertags perfekt im Business tragen kann, mit Langarm, Dreiviertelarm, Knielänge, Taschen dazu. Wir haben eine russische Kundin, die mittlerweile alle Farben hat in Größe 44. Die schreibt und Dankes-eMails, weil sie sich im Business-Alltag im rostroten Kleid so wohlfühlt.

Ab Kleidergröße 42 ist eine extreme Nische da. Mein Ansatz ist: Ich arbeite mit dem Körper, den ich habe. Für mich gibt es keine gute oder schlechte Figur. Mein Job auch als Designer ist es, mit meinem Designer-Point-of-View, aber auch kundenorientierte Mode zu entwerfen. Das andere ist Kunst, freaky Kollektionen zu machen, die untragbar sind. Das gehört auch dazu, das mache ich auch irre gern. Aber auf der anderen Seite muss ich auch einen Kunden glücklich machen und anziehen können.

Wie ist deine Meinung zur aktuellen Magermodel-Debatte? Wie stehst du dazu?

Ich finde, jeder Designer hat die Freiheit zu entscheiden, wie er die Mode präsentieren möchte, so wie Size-Zero-Frauen ein Anrecht haben, Mode zu finden, die ihnen passt, hat auch eine Frau mit Größe 48, 50 oder 52 ein Anrecht darauf. Für mich als Designerin ist es bei der Auswahl der Models wichtig, dass die Frauen oder Herren die Mode unterstreichen, gut und vor allem authentisch repräsentieren. Ich kenne auch viele Models, die wahnsinnig dünn sind, wo man auch sagt, für Otto Normalverbraucher „mager“. Wo man aber merkt, die ist gesund und von der Veranlagung her so. Ich finde, dass man es jemandem anmerkt, ob er gesund ist oder nicht.

Wer oder wie ist die ep anoui Frau?

Da möchte ich eine Geschichte erzählen: Ich hatte im Jänner eine Modenschau im ersten Bezirk und habe ganz bewusst von einer 10-Jährigen bis zu einer 60-Jährigen, von Kleidergröße Kind bis 48 gezeigt. Das war eine der erfolgreichsten Modeschauen, die ich je gemacht habe. Weil jeder im Publikum hat sich mit jemandem identifiziert, und es hat im Endeffekt auch gezeigt, dass man wirklich eine große Bandbreite – mittlerweile gibt es ja Eva Poleschinski to go, ep anou und Bridal & Eve – so kleiden kann, dass es authentisch rüberkommt. Das hat mich einfach wahnsinnig befriedigt.

Glaubst du, dass die Steiermark ein besonders kreativer Boden ist?

Ja, durchaus. Ich kenne viele Kreative, die aus der Steiermark sind. Ich finde, Steirer, das ist eine eigene Community. Ich bin gern Steirer. Und ich werde auch nie Wiener sein, auch wenn ich in Wien lebe. Mein Herzerl ist ganz grün (lacht). Ich fahre sehr, sehr gerne immer wieder in die Steiermark. Mir kommt das immer vor wie eine Steckdose: Energie aufladen, und auch wenn du dann arbeitest. Ich bin einfach gerne in der Natur, und bin auch gern mal nicht so rushy unterwegs. Dadurch entsteht sehr viel Kreativität.

Wo bekommt man deine Mode?

In Wien bei Runway, Edelcorner, bei mir und online.  Gerne berate ich Kundinnen auch persönlich.

Gibt es Expansionspläne?

Schon. New York hat meine Sachen, Tokio, auch Amsterdam und Doha/Katar. Ich finde, jeder, der meine Mode cool findet, soll sie haben.

Alle Themen finden Sie in der aktuellen Ausgabe.

Deluxe Cover (02/2015)
Foto: John Russo/Corbis Outline

Mehr zum Thema: