Glaubensfrage Ernährung: Veganer vs. Fleischesser

Verzicht scheint das neue Glaubensbekenntnis des Essens zu sein. Veganer, Vegetarier, Frutarier und Co. liegen voll im Trend – quasi Identitätssuche mittels Speiseplan. Doch wie sinnvoll ist dies? Ein Faktencheck mit einem Blick in die Zukunft.

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Welche ist die bessere Ernährung? Foto: p_ponomareva/iStock/Thinkstock

Wer heute im Supermarkt einkaufen geht, steht vor einer Herausforderung – z. B. beim Joghurt: fettarmes oder fettfreies? Die laktosefreie Variante oder die mit hohem Proteingehalt, ohne Fruchtgeschmack oder doch mit Fruchtspiegel? Da kann einem schon fast der Appetit vergehen, bis man an der Kasse ist. Essen ist heute kompliziert. Während uns früher der persönliche Geschmack geleitet hat, ist heute der Ruf nach Superfoods, ethisch einwandfreiem Essen oder Functional Food das Maß aller Dinge. Ob das schmeckt, ist häufig ­leider Nebensache.

Glaubenskrieg

Zudem brechen regelrechte Grabenkämpfe zwischen den einzelnen Ernährungslagern aus. Veganer verweigern Mahlzeiten, die mit derselben Zange angerichtet werden, mit der Fleisch gewendet wird. Fleischesser sehen sich unter Beschuss und beißen deshalb besonders oft und herzhaft in das Steak. Feindseligkeiten sind keine Seltenheit mehr. Gerade so ­mancher Veganer sieht sich selbst gerne als besseren Menschen und die anderen als Tiermörder oder Schlimmeres. Denn wer sich nicht an die eigenen Regeln hält, dem ist Verachtung gewiss. Ernährungssoziologe Daniel ­Kofahl erklärt dieses Verhalten so: „Über seine Ernährung zieht man eine Grenze zwischen der Gruppe mit ihren Werten, der man sich zugehörig fühlt, und den ­anderen. Da wird es schnell angespannt, wenn jemand diese Identitätsgrenzen in- frage stellt. Außerdem ,weiß‘ man meist nicht, ob man mit seiner Ernährung immer so 100 Prozent richtig liegt, sondern man ,glaubt‘ es vor allem. Weil das wie bei Religion eher ein fragiles Fundament ist, wird es teilweise hart verteidigt.“

Imagewandel

Doch warum spielt die Ernährung heute eine derart wichtige Rolle? Foodtrend-Forscherin Hanni Rützler erklärt: „Durch nichts drückt der Mensch heutzu­tage sein Lebensgefühl so sehr aus wie durch seine Ernährung. Daher werden Ernährungsentscheidungen immer bewusster und bedachter getroffen.“ Besonders im Fokus derzeit: der vegane Lifestyle. Vegane Restaurants schießen aus dem Boden, das Supermarktangebot wächst, es gibt sogar vegane Hotels. Und das, obwohl die Zielgruppe relativ klein ist: Denn rund zehn Prozent der österreichischen Bevölkerung sind Vegetarier, immerhin 800.000 Österreicher, rund 90.000 deklarieren sich als Veganer. Doch nicht nur überzeugte Veganer ­nutzen das Angebot: „Auch die sogenannten ­Fleischersatzprodukte sind keine spleenigen Nischenprodukte mehr, sondern sind Teil des Mainstream-Sortiments“, ist Rützler überzeugt. Kein Wunder also, dass die Umsätze im Lebensmittelhandel im zweistelligen Prozentbereich wachsen. Und allein im Vorjahr 211 Vegan-Kochbücher neu erschienen sind.

Fleisch-Ersatz

Doch oft fällt der Verzicht auf Schnitzel und Co. gar nicht so leicht – daher boomen ironischerweise ­vegane Fertigprodukte, die diesen ähneln. Doch Vorsicht: Auch Soja-Bohnen sind nicht einwandfrei, der Großteil ist mittlerweile gentechnisch verändert. Zudem werden die Fleischersatzprodukte mit Gewürzen, Aromen und Zusatzstoffen aufgepeppt, um in puncto Aussehen und Aroma an das Fleisch-Original heranzukommen. Zu viel Fett und Salz schlagen sich ebenfalls negativ nieder – ebenso wie ein hoher Preis. Zukunft: Insekten? Ein interessantes Szenario, um das ­globale Ernährungsproblem zu lösen, sind Insekten. Der Großteil der Weltbevölkerung isst diese ja bereits. Wir Europäer haben damit allerdings noch ein „psychologisches Problem“, doch Hanni Rützler bestätigt: „Es gibt Studien, die sehen darin den Schlüssel. Denn Insekten sind fettarm, protein- und vitaminreich und ihre Zucht ist effizienter und klimafreundlicher als die Haltung von Rindern oder Schweinen.“ Algen seien ebenfalls ein ­bedeutender Faktor: „Deren Einsatzgebiet wird immer vielfäl­tiger. Mittlerweile gibt es Brat-Algenwürste, Curry-Algenwürste und Algenburger. ­Solche Produkte finden immer mehr Einzug in unsere Supermärkte.“

Trend: Lokal

Doch bis zum Heuschrecken-Burger für alle vergeht wohl doch noch einige Zeit – bleibt die Frage, was nach den Veganern kommt. Für Daniel Kofahl ist die Sache klar: „Nach den Veganern kommt wieder der Flexitarier – also derjenige, der sich mal mit und mal ohne tierische Produkte ernährt.“ Hanni Rützler sieht ebenfalls den Genuss am Vormarsch: „Gefragt sind natürliche Ausgangsprodukte, möglichst wenig ver­arbeitet und frisch zubereitet, gepaart mit Genuss in neuen, einfachen Gerichten oder Produkten. Zudem sind re­gionale Lebensmittel aus der direktesten Umgebung immer gefragter – im Idealfall aus dem eigenen Garten. Und das ist nicht nur ein Phänomen am Land. Urban Gardening boomt in den Städten.“ Und eines ist fix: Kurze Transportwege sind nicht nur ökologisch sinnvoll, was saisonal am Teller landet schmeckt auch besser – garantiert.