Vom Bauernhof auf die Bühne - David erzählt

David kommt vom Bauernhof und arbeitet heute noch bei seinen Eltern am Bio-Hof mit. Außerdem ist er Pferdeführer in der Hippotherapie und Schauspieler. Aber es war ein langer Weg hier her und kein geradliniger.

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Foto: Julia Koch

In seinem Umfeld war es üblich, dass man eine Lehre machte und mit 17 oder 18 fertig war. Mit 22 oder 23 noch den Meister. Und dann war man eben Meister!

David: Aber ich wär als Tischler oder Mechaniker eine Katastrophe!

Es gab nur ein Beispiel in seinem Bekanntenkreis, einen Mann, der ebenfalls lange nicht so genau wusste, wohin und was eigentlich aus ihm werden sollte: Hans Hurch, ein Freund der Familie. (Anm.: Hans Hurch war langjähriger Chef der Viennale und ist kürzlich verstorben.)

David: Seine Schwester hat erzählt, dass er lange nicht gewusst hat, was er machen will. Er hat studiert und es war nicht klar, in welche Richtung es gehen soll. Das hat sich alles erst viel später ergeben – die Viennale, Film, alle diese Sachen. Und da hat meine Mum dann immer wieder gemeint: 'Bei dem war's ja auch so ...' Das hat geholfen. Das ist auch eine Art Support, wenn es jemanden im Bekanntenkreis gibt, bei dem auch nicht immer alles gleich klar war.

Bei David war jedenfalls laut seiner Aussagen lange gar nichts klar.

Erst machte David die HBLA für wirtschaftliche Berufe, Zweig Soziales Management. Anschließend Zivi im Mädchenheim, wo er der "Junge für alles" war, und ernsthaft überlegte, ob er in diesem Bereich bleiben sollte. Eine gute Zeit. Er hat dann aber doch noch das Feld gewechselt und für den Maschinenring gearbeitet – Personalvermittlung in der Landwirtschaft. In den ersten Tagen hat David allerdings gleich mal einen Traktor demoliert und einen fetten Kratzer in das niegelnagelneue Auto des Chefs gemacht, neben dem er den Traktor mit der Straßenputzmaschine geparkt hatte. 

David: Ein holpriger Anfang. Aber das ist einfach so. Wenn man ein bisschen unsicher ist, dann passieren halt leichter Fehler. Man will eh schon keine machen, und dann ...

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Foto: Julia Koch

Und so folgte auch noch ein Studium an der BOKU in Wien.

Anschließend Arbeit am Hof zuhause, wo er durch seine Mithilfe die Eltern unterstützt .

David: Ich glaube, manche Sachen liegen mir. Mit Tieren arbeiten. In letzter Zeit hab ich viel mit Pferden und Kühen gearbeitet. Ich bin nicht mit Pferden aufgewachsen, die kamen erst später in mein Leben. Und die Arbeit mit ihnen hat einiges verändert in meinem Umgang mit Tieren überhaupt. Mit Pferden geht man meistens viel sensibler um als mit Kühen, was schade ist, weil die auch sehr viel spüren, und man eigentlich total cool mit ihnen umgehen könnte. Das wird jetzt auch immer mehr, dass man besser versteht, wie mit Kühen umgegangen werden kann.  Man kann z.B. durch Körperhaltung, Positionswechsel etc. viel machen, um eine Kuh in eine Richtung zu bringen, ohne hysterisch zu werden oder einen Stecken einzusetzen. Wenn Kühe auf einen losgehen, kann man sich den Stecken sowieso sparen. Das kann zach sein. Sie sind schwer, haben viel Kraft und können schnell sein – das darf man nicht unterschätzen.  Grad auf der Wiese sind sie im Durchschnitt um einiges schneller als wir.  Oder auf matschigem Untergrund. Da ist man chancenlos. Wenn einen eine Kuh verfolgt, muss man um einen Baum rennen, weil sie nicht so wendig sind.

David macht am Hof, was anfällt. Traktor fahren, Kühe füttern, Unkraut jäten – also Strumpfn (Sauerampfer) ziehen. Die muss man mit der Wurzel ziehen, sonst wächst alles sofort nach. Darüber, wie sinnvoll das ist,  gehen die Diskussionen angeblich auseinander, weil alleine eine Pflanze unglaublich viele Samen trägt, die in der Erde mehrere Jahrzehnte alt werden können.

Wobei die sogenannten "Unkräuter" auch Positives mit sich bringen: Wenn man versteht, was wann wo wächst, kann man zum Beispiel die Bodenzusammensetzung lesen und auch wie feucht es dort ist und dergleichen. Die Sauerampfer kommen unter anderem, wenn der Boden zu stark verdichtet oder durch schwere Maschinen beispielsweise verletzt wurde.

David: Im Bio-Bereich sieht man davon natürlich viel mehr, weil die anderen halt mit was drüber gehen. (Anm.: Unkrautmittel) Die Oma zum Beispiel ist da noch ganz anderer Meinung. Die geht manchmal an einem unserer Felder vorbei und sagt: 'Na, wie das ausschaut!! Des is a Katastrophe so viel Strumpfn!'

Die Oma würd' das nicht bio machen. Sie kommt eben aus der Generation, in der Spritzmittel erst aufgekommen sind und ein Segen waren.  Zu Kriegszeiten und danach war es besonders wichtig aus kleinen Flächen viel rausholen zu können. Und auch die Produktion des Spritzmittels ist ein Ergebnis der Kriegsindustrie.

David: Aber ein Feld, auf dem nur eine Pflanze steht, ist halt nicht natürlich. Das passiert nur, wenn man das dahin manipuliert. Sonst wär da viel mehr los. Disteln, Sauerampfer oder auch Blumen.

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Foto: Julia Koch

Heute macht man in der Bio-Landwirtschaft  also zwei Schritte zurück, um weiter zu kommen.

Zurück zu ursprünglichen Methoden: Brennesseljauche zum Beispiel. Und man setzt Nützlinge gegen Schädlinge ein und sucht andere Wege, um im Bedarfsfall nicht mehr so heftig in die Natur eingreifen zu müssen. Es gibt auch neuere Methoden wie die, Wasser mit ganz scharfem Chili zu versetzen, um Schädlinge fern zu halten oder damit’s die Hasen nicht fressen.

David: Die Viecher machen da nämlich schon einen Unterschied. Die gehen natürlich eher zu einem Bio-Feld als zu einem konventionell bearbeiteten Feld. Die fressen lieber bei uns.

Wie kam David dann zur Schauspielerei?

Er beschreibt mir eine Traurigkeit, die seine Kindheit und Jugend über in ihm war, die sein Lebensgefühl überschattet hat. Er fühlte sich nicht wohl in seinem Körper und hat sich oft als Außenseiter empfunden, der er gar nicht sein wollte. Er verstand auch nicht, warum er diese Position in der Schule zugeteilt bekam. Was ihm jedoch lag, war Referate vorzutragen und seine Klassenkollegen zu unterhalten. Zwei Komponenten, die damals schon in Richtung Bühne deuteten. Zu Schulzeiten hatte David kein Ventil für seine Trauer.

David: Aggression, kein Problem. Aber Trauer ...

Und als Jugendlicher dann war die einzig greifbare Lösung das Bier. Regelmäßig stürzte er sich in einen Sturm an Gefühlen, die durch den Alkohol hervorgerufen wurden.

David: Das war, wie wenn man mit ausgebreiteten Armen am Feld im Regen steht und um einen herum tobt ein Gewitter.

Seine Möglichkeit, etwas zu fühlen, meint er heute.

Und andererseits dann auch eine Hilfe, unerwünschte Gefühle und Situationen auszuhalten.

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Foto: Julia Koch

Erst als er zu Studienzeiten begann, Kurse an einer Schauspielschule zu belegen, eröffnete sich ihm eine neue Welt der Kommunikation mit seinen Mitmenschen und des Umgangs mit sich selbst. Immer mehr wuchs die neu entdeckte Leidenschaft und David beschloss, eine vollständige Ausbildung zum Schauspieler zu machen. Das kostete – Geld und Nerven. Nicht nur die eigenen, auch die Eltern mussten da durch.

David ist froh, dass diese Zeit hinter ihnen liegt. Klar scheint es David auch im Nachhinein wichtig, sich irgendwann ein wenig von Zuhause zu distanzieren, aber er bereut die Art und Weise, wie das passiert ist. Er habe während der Schauspielausbildung mit Zuhause gebrochen, und es hat gedauert, bis sich die Familie wieder erholt hat.

Heute funktioniert das wieder.

Und zwar so: Erstens gibt es einen jungen Mann aus der Nachbarschaft der Eltern, den Manuel, der beschlossen hat, dass er alles lernen möchte, was es in der Landwirtschaft zu lernen gibt und am Bio-Hof von Davids Eltern mitarbeitet. Er übernimmt somit einen Teil, den David nur schweren Herzens und Gewissens nicht verrichten kann und möchte. Das erleichtert David sehr.

Zweitens gibt es den verehrten Hans Hurch als Vorbild.

Und drittens hat David nun sein erstes richtig großes Engagement an der Bühne bekommen und wird diesen Herbst in Paulus Mankers "Alma" als Klimt zu sehen sein. Bravo!

 

Julia Koch ist Schauspielerin. Ihre Leidenschaft: Lebensgeschichten - nicht nur von Menschen, die im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen. Auf weekend.at präsentiert die in Wien lebende Vorarlbergerin ihre Stadtgespräche.

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