Einfach begabt: ist Ihr Kind "nur" ein Durchschnittschüler?

Die Schule hat wieder begonnen, und viele Eltern sind stolz auf ihren Nachwuchs: Er kann nämlich schon zu Beginn der Volksschule lesen, schreiben, im 100er-Raum rechnen und - nicht zu vergessen - Englisch sprechen. Für Lehrer kann diese Übereifrigkeit der Eltern der pure Albtraum sein.

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Foto: Brigitte Lang

In meinem Bekanntenkreis gibt es mehrere Lehrer, einige davon sind in einer Volksschule tätig. Sie freuen sich jedes Jahr wieder auf den Schulbeginn, denn in diesem Alter sind Kinder ja besonders wissbegierig und auch motiviert. In den letzten Jahren hat man ihnen aber das Fürchten gelernt: Nicht die Kinder sind das Problem, sondern deren Eltern.

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Foto: Brigitte Lang

Hochbegabung als Fluch

Da fragt die Lehrerin oder der Lehrer in der ersten Stunde, wer denn schon seinen Namen lesen kann - bei meinen Kindern waren es vor rund 15 Jahren ein oder zwei Mädchen oder Buben, die sich gemeldet haben. Heute zeigen fast alle auf, und die Eltern stehen mit stolzgeschwellter Brust dahinter. "Ach wie gescheit ist doch mein Kind! Das hat es alles ganz freiwillig und spielerisch gelernt, wir waren da gar nicht dahinter." Wer's glaubt, wird selig. Viele Eltern sind der Meinung, ihr Kind sei hochbegabt und lassen es heimlich austesten – sollte das Ergebnis dann negativ sein, dann wird es verschwiegen. Bei positivem Befund wird dann die Hochbegabung so ganz nebenbei erwähnt, als sei es ihnen beinahe peinlich. Aus Gesprächen mit Pädagogen weiß ich, dass für die Kinder Hochbegabung aber eher ein Fluch als ein Segen ist und für das jeweilige Kind eine große Herausforderung darstellen kann.

Der Klassenkasperl stirbt aus

Wo sind die Zeiten hin, da wir in der Schule noch ganz normale Kinder sein durften: nämlich mit Respekt vor den Lehrern und hin und wieder einfach auch mal schlimm und ungezogen – Gott sei Dank kannte man damals ADHS noch nicht, sonst hätten alle unsere – überaus beliebten - Klassenkasperl heute mit einem Stigma zu leben. Der medizinische Fortschritt ist sicher zu begrüßen, doch für manche Schülerinnen und Schüler wurde das Leben im Klassenverband dadurch sicher eher erschwert als erleichtert. 

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Foto: Brigitte Lang

Gelassenheit lernen

In der Schule wurden ja jetzt auch der Ethikunterricht und die tägliche Turnstunde eingeführt: Wie wäre es mit einer verpflichtenden Mentaleinheit für übereifrige Eltern? Das würde wahrscheinlich sowohl den Kindern in der Klasse als auch den Lehrerinnen und Lehrern den Schulalltag erleichtern: Gelassenheit ist einem eben auch nicht in die Wiege gelegt und muss erlernt werden. Zum Abschluss möchte ich noch berichten, dass aus meinem Klassenjahrgang die "Durchschnittsschüler" die steilsten Karrieren hingelegt haben, während die vermeintlich besonders "Gescheiten" letztendlich im Arbeitsalltag mit der Masse mitgelaufen sind.

 

Die gebürtige Wienerin ist zwar immer gestresst, aber stets gut drauf. Nicht die Arbeit in ihrer eigenen PR-Agentur macht ihr zu schaffen, sondern der Alltag mit Mann und Kindern. Die umtriebige Familien-Managerin findet daher notgedrungen immer wieder Lösungen, um das gemeinsame Leben leichter und schöner zu gestalten.

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