Als ich aus der Kirche austreten wollte - und es nicht tat

Die römisch-katholische Gesellschaft und der zu hoch angesetzte Kirchenbeitrag waren nur zwei Gründe, warum ich lieber ohne Bekenntnis leben wollte. Ein Versuch aus der Kirche auszusteigen, der kläglich scheiterte …

Marie Unzensiert
Foto: Marie

Ich bin jung, ich brauch' mein Geld

Ungefähr zwei bis drei Jahre ist das jetzt her. Wahrscheinlich drei. Ich bin zu dieser Zeit viel in Europa unterwegs gewesen. Entweder als Backpacker mit einem Interrail-Ticket oder als WWOOFER (freiwillige Helfer auf Bio-Bauernhöfen, Anm.) zum Arbeiten. Wenn ich nach einer Reise wieder nach Hause kam, hatte ich Jobs für jeweils ein paar Monate. Das ging, solang bis ich wieder etwas Geld hatte, um weiter die Welt zu entdecken. Reisen kostet. Ganz schön viel sogar, wenn man’s wie ich gerne ein bisschen komfortabler hat und deswegen blieb nicht recht viel für andere Sachen übrig. Und schon gar nicht für so einen depperten Kirchenbeitrag.

Regeln sind da um gebrochen zu werden

Also jedes Mal, wenn so ein Wisch von der Kirche ins Haus flatterte, wo drauf stand, ich müsste bitte bitte wieder 300 Euro "spenden", stieg der Zorn in mir hoch. Ich ignorierte die heiligen Briefe einige Male, bis es eine Mahnung hagelte. Die ach so Mitmenschlichen waren gar nicht happy mit mir. Aber ich auch nicht mit ihnen. Meine kurzweiligen Jobs brachten nicht viel ein und die Hälfte des Jahres war ich sowieso nicht in Österreich. Noch dazu kam, dass ich einige Monate als WWOOFER auf einer Farm arbeitete und nicht mit Geld, sondern nur mit Kost und Logie "bezahlt" wurde. Ich hatte also nichts zu verschenken wie Niki Lauda so schön sagen würde. Ich schrieb denen am Amt also eine gepfefferte Mail und beschloss nun wirklich aus der Kirche auszutreten.

An afternoon well spent

Leute, ich weiß leider nicht mehr wie es dazu kam, aber unser Ortspfarrer hat mein Vorhaben irgendwie spitzgekriegt und wollte mich vor meiner endgültigen Entscheidung noch persönlich sprechen. Ich dachte: "Oh mein Gott, das brauch ich jetzt noch!" Ich hatte keine persönliche Erfahrung mit Pfarrern. Außer die paar Mal, als wir von der Schule aus im Reli-Unterricht beichten gegangen sind. Was wirklich gruselig ist, wie ich finde. Und die "Vater Unser", die man nach seinen Sünden beten soll … haha das hab ich nie gemacht. Ich hab immer nur daran gedacht, was Mama wohl heute zum Mittagessen kochen würde und dann bin ich aus dem Beichtstuhl gesprungen. Okay, sorry! Abgeschweift. Ich komm' zum Punkt.

Ich war wirklich im Pfarrershaus. Mit dem Pfarrer. Der Pfarrer und ich in einem Raum. (Bitte lachen.) Unser Pfarrer ist kleiner als ich und geht so lustig, wie … Na komisch eben. Wir saßen uns gegenüber und er stellte mir einige Fragen. Lustigerweise haben wir uns voll gut verstanden. Wir haben uns ziemlich tiefgründig unterhalten und es war echte Sympathie zwischen uns zu spüren. GOOD VIBES ONLY! Wir redeten, wörtlich genommen, über Gott und die Welt. Hätten wir beide noch genüsslich einen Joint geraucht, wäre es ein perfekter Nachmittag unter Freunden gewesen.

Zu mir oder zu dir?

Ohne Scheiß, es ging sogar soweit, dass ich Beda (ja, wir dutzten uns schon!) zu mir nach Hause zum Baden eingeladen habe. Hahahahaha. Stellt euch das bitte vor! Pfarrer Beda und ich ganz easy am Chillen. My Homie. My Bro. My Everything.

Mein neuer Kumpel war auch ganz angetan von einem weiteren Treffen und schrieb sich gleich meine Adresse auf. Ich fühlte mich ehrlich gesagt ziemlich geil, als ich seine Bude verließ. Der Pfarrer als neuer "brother from another mother"? Nice nice.

Ich bin eine Lachnummer

Als ich dann voller Stolz die Story zu Hause erzählte, lachten sich alle schlapp und meine Mum war gar nicht begeistert von der Vorstellung, unseren Pfarrer beim Baden zu sehen. Haha. Kurzes Kopfkino: Beda und ich in Shorts und Bikini mit Handtuch über den Schultern und Schwimmhilfe unterm Arm auf dem Weg ins Freibad. Grandios! Obwohl er mir nach wie vor sympathisch war, verstand ich mittlerweile die "Bedenken" meiner Familie. Ich dachte: "Okay gut, ich meld' mich einfach nicht mehr. Er wird’s selber schon vergessen haben.“

Denkste …

Nach ein paar Wochen, ohne von Beda gehört zu haben, wiegte ich mich schon in Sicherheit. War doch nur eine einmalige, kuriose Sache. Doch dann kam die Post. Und mit der Post eine Karte. Für mich. Von Pfarrer Beda. Da war ich schon ein bisschen baff und gerührt. Ich mein, wer kann schon behaupten, eine Ansichtskarte von einem Pfarrer bekommen zu haben? Mit persönlicher Widmung! Auf der Karte war irgendeine Götterstatue abgebildet und er schrieb, er sei gerade auf einer sehr spannenden Tagung in Italien und er wünsche sich nichts sehnlicher als jetzt mit mir am See zu liegen. Okay, Scherz! Der zweite Teil ist gelogen. Haha. Die Karte allein hat mir schon gereicht. Meine Schwestern und ich lachten uns halb tot darüber.

1:0 für Pfarrer Beda

Ich erwiderte rein gar nichts. Nichts auf die Karte und nichts auf die peinlichen Augenblicke, als wir uns hin und wieder mal im Ort begegneten. Zum Glück immer mit einigen Meter Sicherheitsabstand zwischen uns. Ich tat einfach so, als wäre er mir fremd. Im Nachhinein gesehen tat er mir auch ein bisschen leid, aber man musste dieses sonderbare Zusammentreffen so schnell wie möglich im Keim ersticken.

Heute, mittlerweile zwei oder drei Jahre später kann ich darüber nur lachen. Heute ist dieses "interessante" Erlebnis wieder nur eine weitere witzige Geschichte aus meinem Leben. Die größte Ironie ist mit Sicherheit, dass ich immer noch römisch-katholisch bin und Kirchenbeitrag zahle.

Tja meine Lieben, 1:0 für Pfarrer Beda.

 

Unter dem Pseudonym "Marie" schreibt die Weekend-Bloggerin über amouröse Abenteuer und alles, was das Leben sinnlich, schön und reizvoll macht.

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