Pangkor und die Wunder des Langsam-Reisens

Wie überfordernd "absolut nichts zu tun" sein kann und wie manche Orte erst dann ihren Zauber enthüllen, wenn ich nicht mehr darauf warte.

Pangkor - Cover
Foto: Rafaela Khodai

Ganze 878 Inseln hat der Staat Malaysia – darunter welche, die die schönsten Tauch- und Schnorchelbedingungen der Welt bieten, solche, die steuerfreie Zone sind, welche, die bei Backpackern beliebt, und andere, die auf Luxusreisende zugeschnitten sind. Einige der malaysischen Inseln sind weltbekannt, und vielen sind ausführliche Blogbeiträge oder Abschnitte in Reiseführern gewidmet.

Nur die Insel, die ich mir für einen einwöchigen Strand-und-Chill-Urlaub ausgesucht habe, fällt in keine dieser Kategorien. "Pangkor" heißt sie, und das Maximum an Infos, das ich finden konnte, war, dass an Feiertagen ein wahrer Touristenansturm stattfindet, und dass die Strände ziemlich schön und meist recht leer sind. Das Fehlen von ausführlichen Infos weckte meine Neugier und die verhältnismäßige Nähe zur malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur, von der aus ich für die nächsten Wochen zu arbeiten plante, und das magische Wortpaar "menschenleere Strände" überzeugten mich rasch, Pangkor eine Urlaubs-Chance zu geben. Dass die "menschenleeren Strände" nur in Kombination mit "absolut nichts zu tun hier" auftauchten, ignorierte ich tunlichst.

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Foto: Artem Gramma

Einsames Paradies oder Langeweile-Alarm?

Als ich dann auf Pangkor ankam, war mein erster Eindruck recht positiv: Die Strände schienen wirklich postkarten-perfekt zu sein - ohne eine einzige Menschenseele. Die Roller auf den Straßen, die kleinen Essensstände am Gehsteig, die Hauptstraße, die sich an der Küste entlangschlängelt: All das weckte ein richtiges Insel-Feeling bei mir.

Doch als ich mich nach dem Einchecken im Hotel zur Strandpromenade begab, erlebte ich, was genau das "nichts zu tun" zu bedeuten hat: Fast alle Restaurants waren geschlossen, es waren kaum Touristen zu sehen und schon gar keine Weißen, Bars schien es ebenfalls nicht zu geben und ganz allgemein wirkte der ganze Ort wahrlich ausgestorben.

Am nächsten Tag wurde das "Es gibt hier wirklich nichts zu tun"- Feeling noch viel stärker, als ich mir einen Roller auslieh und damit in knapp zwei Stunden (!) die ganze Insel umrundet hatte – und dabei entdeckte, dass der Strand vor meiner Hoteltüre definitiv der schönste der Insel und die anderen "Orte" kaum mehr als kleine Siedlungen sind. Es schien nichts zu geben, was ich nicht auch zu Fuß erreichen konnte. Was sollte ich hier bitte in den nächsten sechs Tagen anfangen? Vor allem, nachdem das Internet so mies war, das ich nicht mal arbeiten konnte?

Erkenntnis: Nichts tun ist auch was tun

Und dann, plötzlich, von einem Moment zum anderen, änderte sich alles, schaltete mein Hirn vom "Neues sehen, Neues erleben, Sehenswürdigkeiten abhaken" in den völlig entspannten Freizeitmodus um. Ich fragte mich plötzlich nicht mehr, was zur Hölle ich unternehmen sollte, sondern freute mich darüber, nichts zu tun zu haben. Paddelte mit einem Kajak an einen menschenleeren Strand und verschlief den gesamten Nachmittag zur Sound-Kulisse des Meeresrauschens. Spielte endlos Kartenspiele und ärgerte mich nicht mehr darüber, dass es absolut kein Nachtleben auf der Insel gab.

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Foto: Rafaela Khodai
Und ab dem Moment, an dem ich nicht mehr nach Unterhaltung suchte, kam sie ganz von selbst. Ich entdeckte, dass mein Lieblings-Strandlokal ja doch Cocktails servierte. Beobachtete die fast schon handzahmen Nashornvögel und Affen. Ließ mir Pfannkuchen zum Frühstück machen von einem freundlichen Lokalbesitzer, der sein Lokal extra aufsperrte, als er mich von einem plötzlichen Regenschauer durchnässt die Straße entlangrennen sah. Dass dann plötzlich noch eine Shisha-Bar direkt am Strand aufmachte, war nur noch ein Extra-Bonus für eine mittlerweile wunschlos glückliche Ferienwoche. Und als ich um Mitternacht am Strand entlang zu meinem Hotel spazierte und wahrhaftig – zum ersten Mal – zauberhaft blau leuchtendes Plankton in der nächtlichen Meeresgischt sah, da hatte ich das Gefühl, dass Pangkor die beste Insel der Welt ist.

Weil gut Ding manchmal eben Weile braucht. Weil gewisse Orte ihren Zauber erst dann enthüllen, wenn man ihnen genug Zeit dafür gibt. Und weil ich manchmal erst enttäuscht werden muss, um mich begeistern zu lassen.

 

Weekend-Bloggerin Rafaela Khodai ist als freie Journalistin und Autorin tätig. Ihre große Leidenschaft ist das Schreiben, ihre Lieblingsdestination Südostasien. Ihre Reise-Eindrücke und -Erlebnisse hält sie in ihren Beiträgen fest.

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