Patrona Bavariae, bitt' für uns - Teil 1

"Bald ist Herbst" heißt für meinen Liebsten und mich "Fahr' ma wieder aufs Oktoberfest?" Gesagt, getan. Verkehrsbehinderungen inklusive.

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Unter'm weißblauen Himmel brauen sie fantastisches Bier und bauen flotte Autos Foto: Carmen Bischof
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Die Ruhe vor dem Sturm: Am Oktoberfest um 9 Uhr morgens Foto: Carmen Bischof

“Bald ist Herbst”, sagt mein schwedische Liebster und blinzelt in die Augustsonne.

Das sagt er jeden September, spätestens wenn die strenge Badleitung das wunderbare Schönbrunner Bad um 19 Uhr statt wie im Sommer um 22 Uhr zusperrt. Bald schließt es für den Winter die Tore, was sich immer anfühlt wie die Vertreibung aus dem Paradies.

Anfang September liegen wir jedes Jahr mit Blick auf die hinderlichen Bäume zwischen uns und der Abendsonne und sinnieren, ob es nicht im Park über den Winter zu einer massiven Rodungsaktion kommen könnte.

Der September macht mich melancholisch, mein Nordlicht macht er unternehmungslustig. Nachdem wir uns schon ein ganzes Jahrzehnt kennen, weiß ich: Das ist kein Kommentar zu den bald fallenden Blättern oder eine versteckte Aufforderung, gemeinsam die Sommergarderobe wegzuräumen. Übersetzt heißt "bald ist Herbst" soviel wie "Schau, schau, in München läuft der Endspurt zur größten Party überhaupt, schmeiß' ma uns heuer in die Tracht und fahr' ma wieder aufs Oktoberfest?"

Oktoberfest, die erste: Massive Verkehrsbehinderungen

Unser erster Besuch auf dem Oktoberfest war ein beruflicher. Ich gestehe gleich: Von der Aussicht, mit zigtausenden besoffenen Deutschen zu feiern, war ich alles andere als begeistert, aber was macht man nicht alles in der Dienstzeit.

Immerhin, es sind Kunden mit in der Runde, und wir machen sogar einen Abstecher in die BMW-Welt. Im Vergleich zum Volvo-Museum, das ein Museum ist, handelt es sich bei der BMW-Welt um eine tatsächliche Welt. Die Bayern zelebrieren nicht nur ihr Oktoberfest, sondern auch die Fahrkultur und vor allem die Freude daran.

Eine liebenswerte Kollegin ist auch dabei. Sie ist ein entzückendes, aber diskretes Wesen, möchte anonym bleiben, und daher nennen wir sie hier ausnahmsweise Marilyn. Das passt sogar relativ gut, weil sie schöne blonde Locken und ein sonniges Gemüt hat.

"Hast du ein Dirndl?", will Marilyn drei Tage vor dem Oktoberfest von mir wissen.

"Sicher. Zwei sogar."

"Welches ziehst du an?"

"Das rosarote, mit Schürze und einem blöden kurzen Bluserl, oben so eng, dass du keine Luft kriegst. Ein normales Dirndl halt. In der Maschine waschbar."

"Soll ich auch im Dirndl kommen?"

"Sicher", ermuntere ich sie. Wenn ich schon kaum atmen kann, dann soll es anderen auch nicht besser gehen.

Am Tag O wie Oktoberfest erscheint Marilyn in einem knallroten Mini-Dirndl aus der Kinderabteilung und Cowboy-Boots aus dem Western-Store. Zwischen diesen lächerlichen Kleidungsstücken perfekte Marilyn-Beine, oben drüber blonde Locken und ein Lächeln voll Vorfreude.

"Oha", sagt sogar der schwedische Liebste, obwohl er dank seiner nordischen Herkunft Blondinen gegenüber abgehärtet ist und ihnen sonst mit unterschütterlichem Gleichmut begegnet.

"Jawoll", sag ich, "wird sicher lustig."

Wird es dann tatsächlich. Man tut den Bayern unrecht, wenn man sie mit den anderen Deutschen in einen Topf von Vorurteilen wirft und glaubt, sie wären humorlose Spielverderber und Effizienzfanatiker.

Sogar die BMW-Welt strotzt vor spielerischen interaktiven Elementen. Am liebsten würde ich mir gleich einen neuen BMW ordern, nur damit ich ihn auf einem dieser coolen Drehteller serviert bekomme.

Auch auf dem Oktoberfest ist der Himmel weiß-blau. Nach zwei Mass ist klar: Die wissen hier nicht nur, wie man Autos baut, sondern auch wie man Partys schmeißt. In München tragen sie Tracht und spielen trotzdem ordentliche Musik statt Wumta-wumta von Radio Landforst. Nach der dritten Mass bist du so textsicher, dass du auf der Bühne stehen könntest.

Gut, ganz können die Bayern den Hang zur Effizienz nicht ablegen, aber das hat auch sein Gutes. Das Bier kommt schnell  und reichtlich und kalt, das Essen ebenso, nur halt heiß. Die Fahrgeschäfte bieten TÜV-geprüften Spaß und Sicherheit, und die armen Kerle, die zuviel Alkohol erwischt haben, werden diskret von gut gelaunten Sicherheitskräften entfernt.

Wenn das Oktoberfest in Berlin stattfinden müsste, wäre das Bier in einer halben Stunde aus und die Zelte sechs Jahre nach Baubeginn noch immer nicht fertig. In München hingegen funktioniert alles großartig. Das einzige, was nicht geht, ist unser Durchkommen durch die Menschenmassen. Immer wieder verhaken sich die Augen an Marilyns Bein.

"Holla, aber hallo, holla, hallo", stammelt ein Unbekannter in der Krachledernen und erstarrt vor Marilyn zur Salzsäule. Sie nickt ihm huldvoll zu und schwebt weiter.

"Bionda bionda bionda BIIIOOOOONDAAAAA!", jubelt ein entfesselter Chor von siebzehn Italienern in Fantasietracht und alkoholbedingter Auflösung. Marilyn lässt sich zu einem gnädigen "ciao" herab und muss als Dank für diesen Beitrag zur Völkerverständigung eine Fotoserie von siebzehn Einzel- und mehreren Gruppenfotos absolvieren, bis ich "basta cosí" sage und sie weiterzerre.

"Stopp", meinen zwei bayrische Polizisten und grinsen von einem Ohr zum anderen. Sie setzen uns ihre Kappen auf, und der schwedische Liebste macht ein Gruppenbild von uns. Das wissen wir aber auch nur, weil wir am nächsten Tag Beweisfotos am Handy gefunden haben.

Marilyn verhängt für den Rest des Abends ein Foto-Embargo. Daher erinnern wir uns nicht mehr an sehr viel mehr, was ein Zeichen für ein großartiges Oktoberfest ist.

"Mit dir ist kein Weiterkommen", werfe ich Marilyn vor, und sie schaut sogar halbwegs schuldbewusst. "Nächstes Jahr wird alles anders."

 

Carmen Bischof ist gebürtige Murauerin ("die Stadt mit dem besten Bier", betont sie!), beruflich und privat gerne auf Reisen, beruflich in Sachen Vertriebssteuerung für die Senzor Industries AB aus Schweden unterwegs und privat auf der Suche nach schönen Orten, gutem Bier und lässigen Aktivitäten.

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