Patrona Bavariae, bitt' für uns - Teil 2

Im Jahr nach dem ersten Oktoberfest probieren wir etwas ganz Neues. Wir fahren mit den ÖBB und zwar über Nacht. Nicht dass wir uns das ausgesucht hätten, aber einem geschenkten beziehungsweise gewonnenen Gaul schaut man nicht ins Maul.

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Abfahrt nach München um 23 Uhr Foto: Carmen Bischof
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Viel Platz hat man im Zug nicht Foto: Carmen Bischof
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So ruhig ist es am Oktoberfest nur um 9 Uhr morgens Foto: Carmen Bischof

Seit Jahren bin ich nicht mehr mit dem Zug gefahren, und ich freue mich auf das Abenteuer auf Schienen.

"Seit Jahrzehnten", wirft das Nordlicht ein, das über meine Schulter schaut und diesen Artikel besonders stark zensuriert. "Seit Jahrzehnten bist du nicht Bahn gefahren."

Ich bin zwar noch gar keine Jahrzehnte alt, aber für den lieben Frieden schreibe ich "Jahrzehnte". Umso besser, ich bin schon gespannt, was sich an technischem Fortschritt getan hat.

"Zügig" kommt nicht von Zug

Sechserliegewagen, verheißt die Fahrkarte und hat auch gleich ein Kürzel für Waggon und Abteil. Zu zweit ziehen wir mit Sack und Pack ein, setzen uns auf die Bänke und sehen uns um. Wenn wir uns gegenübersitzen, berühren sich unsere Knie.

Der technische Fortschritt hat offensichtlich vor der Tapezierung halt gemacht. Genau so ist man schon zu meinen Studentenzeiten Bahn gefahren. Oder es ist ein Retro-Abteil. Das ist es, es muss ein Oktoberfest-Nostalgiezug im Retro-Design sein.

Auch der Schaffner schaut immer noch aus wie damals und blickt ebenso grimmig drein wie im letzten Jahrtausend. Sogar unsere Fahrkarten werden noch immer auf dieselbe Art abgezwickt. Dann hat er gute Neuigkeiten: "Wir sind nicht sehr ausgebucht. Sie haben das Abteil heute nacht für sich." Dann schlurft er grantig aus unserem Abteil.

"Was meint er?", frage ich den Liebsten.

"Wir werden zwei Personen sein, nicht sechs." Im sozialistischen Schweden kennt man sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus.

"Zu sechst? Es ist zu zweit schon eng. Und wo ist das Bad?", will ich wissen.

"Wahrscheinlich draußen am Gang."

"Was glaubst du, wann kommt der Schaffner wieder?", muss ich noch wissen.

"Wieso?"

"Irgendjemand muss ja das Bett machen."

"Das machen wir selber."

"Echt jetzt?"

Der Zug fährt los. Ich schaue auf den Reiseplan. Um 23 Uhr fährt der Zug in Wien ab, knapp nach acht ist er in München.

"Wie kann es sein, dass wir erst in acht Stunden in München sind?", frage ich ungläubig. "Mit dem Auto fahr ich das in viereinhalb. Ein Tippfehler, oder?"

"Zug", sagt der Schwede. "Haltestellen. Das ist so. Zeit für ein Bier, dann schlafen wir besser."

Damit hat er auch wieder recht. Zwei Stunden später machen wir unsere Pritschenbetten, finden am Gang ein Kabäuschen mit Waschbecken, putzen uns die Zähne und legen uns hin. Als geeichtes Reisekind schlafe ich zwei Sekunden später und drehe mich nicht um, bis der Zug quietschend am Münchner Hauptbahnhof bremst. Sobald sich etwas ruckelnd bewegt und ich nicht am Steuer sitze, bin ich bewusstlos. Selberfahren ist lustig, Mitfahren ist einschläfernd.

Das Nordlicht ist gute 25 Zentimeter größer als ich und schläft daher halb so viel und doppelt so schlecht. Gerädert wirft er sich in die Lederhose, ich verrenke mich in dem engen Abteil, bis das Dirndl sitzt.

Guten Morgen, München

München begrüßt uns mit strahlendem morgendlichem Sonnenschein und der üblichen Festperfektion.

"Frühstück? Bier?", frage ich scherzend, um die Laune etwas zu heben. Das Nordlicht nickt, doch wir müssen uns noch bis zehn Uhr gedulden. Fest ist Fest, Tradition ist Tradition, und das beste aller Feste tobt genau zwischen zehn Uhr morgens und elf Uhr abends. Danach wird für den nächsten Morgen geputzt, aber da sitzen wir schon im Nachtzug. Ich schlafe, das Nordlicht durchwacht die zweite Nacht.

"Nie wieder Zug", so das Resümee des schwedischen Liebsten in Wien, "ich habe nichts geschlafen, gar nichts."

"Auto", stimme ich ihm zu. "Nächstes Jahr müssen wir schauen, dass wir selber fahren."

Schließlich will man – besonders wenn es nach Bayern geht – doch ein bisserl Freude am Fahren haben und das nicht nur im Olympia-Looping.

Aber wenn das die Segnungen des Bahnfahrens sind, dann wüsste ich nicht, wie das mit der Eindämmung des Individualverkehrs gehen sollte. Der einzige Weg, der mir einfällt, sind massenhafte Enteignungen.

 

Carmen Bischof ist gebürtige Murauerin ("die Stadt mit dem besten Bier", betont sie!), beruflich und privat gerne auf Reisen, beruflich in Sachen Vertriebssteuerung für die Senzor Industries AB aus Schweden unterwegs und privat auf der Suche nach schönen Orten, gutem Bier und lässigen Aktivitäten.

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