Zwischen den Welten - der Reiz verlassener Orte

Es gibt sie noch – Orte, deren Energie uns auf magische Weise fesselt. An denen wir das Gefühl haben, es ist da noch etwas. Lang vergangene Geschichten liegen wie Schatten über den Plätzen und lassen mich neugierig werden sie zu entdecken. Von einem dieser Orte möchte ich heute erzählen, denn seit dessen Erkunden wandern meine Gedanken immer wieder zu ihm zurück. Zu dem "abandoned place", der mir Gänsehaut beschert hat.

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Foto: Katrin Ostleitner

Ein Morgenspaziergang soll es werden, den Tag mit frischer Luft und Sonnenstrahlen im Gesicht begrüßen, während Benji sich dem Fährtensuchen im neuen Terrain widmen kann. Definitiv die Lieblingsbeschäftigung, wenn wir uns auf unbekannten Wegen befinden. Seine Art die "Morgenzeitung" zu lesen. (Danke Opa für diesen einprägsamen Vergleich!)

Wir parken bei zwei kleinen Fischteichen in der Nähe von Bernstein und schlendern gemütlich die gewundene Straße entlang. Vorbei an einer alten, verlassen anmutenden Villa, deren Zaun schon mehrere aufgerissene Stellen aufweist. Die abgeblätterte Farbe der Fassade lässt auf ein "Schönbrunngelb" schließen. Schnell ist meine Neugier geweckt, immerhin haben verfallene, verlassene Gebäude mich schon als kleines Kind in ihren Bann gezogen.  Der Weg führt einem halb um das Haus herum, um danach wieder im Wald zu verschwinden. Niko konnte mich gerade noch davon abhalten, nicht doch noch schnell durch den Zaun zu schlüpfen. Lachend malen wir uns unterschiedliche Szenarien aus, wie das Leben auf diesem Anwesen wohl einmal ausgesehen hat. Wer hat hier gelebt? Was ist alles passiert? Und welche Geschichten gibt es zu erfahren?

In Fantasien und Gedanken versunken kommen wir etwa zehn Minuten später zu einem weiteren heruntergekommenen Haus. Gut versteckt unter etlichen Jungbäumen, die sich mit den Jahren ausgebreitet haben, entdecken wir den Eingang der kleinen Kate. Diesmal hält mich nichts mehr zurück!

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Foto: Katrin Ostleitner

Auf Entdeckungstour

Die Abenteuerlust hat mich vollends gepackt. Noch einmal umgesehen, ob eh niemand kommt, und ab durch das Gestrüpp in den ersten Raum. Die Tür ist nur noch ein kläglicher Rest Bretter, vorsichtig klettere ich darüber und befinde mich kurz darauf in einer Art Werkstatt mit Empore. Die Stufen sind verfallen, also beschränke ich mich auf den unteren Teil. Der Staub flirrt in dem spärlichen Licht, das durch die beschlagenen Fenster scheint. Erstaunt stelle ich fest, dass alle Gerätschaften noch da sind: Gartenwerkzeug, Teile eines Leiterwagens und sogar ein gut erhaltenes Kummet zum Einspannen der Pferde hängt an der Wand. Dazwischen befinden sich teils zerbrochenes Geschirr und Schutt, der von der abfallenden Decke stammen dürfte.

Ich wage mich durch den Hinterausgang in den ehemaligen Garten des Häuschens. Fühle mich wie Dornröschen, denn die Brombeeren haben hier eindeutig die Oberhand gewonnen.  Über ein paar Stufen erreicht man die Haustür des eigentlichen Wohnhauses. Die Tür lässt sich problemlos öffnen und ermöglicht uns den Eintritt in eine andere Welt. Mit einem Mal raubt es mir den Atem. Der modrige Geruch alter Möbel  steigt mir in die Nase, und mir wird kurz schwindlig. Ich taste mich vorsichtig durch die Räume. Alles sieht aus, als wären die Bewohner nur kurz ins Dorf gegangen, um ihre Wocheneinkäufe zu machen. Einzig die Spinnweben und dicken Staubschichten beweisen das Gegenteil.

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Foto: Katrin Ostleitner

Während ich mich durch die Räume schleiche, hat Niko die Verandatüre entdeckt und sich ebenfalls auf Erkundungstour begeben. Plötzlich ein Aufschrei! Der Dielenboden knarrt verdächtig. Ich laufe so schnell als möglich ist in Richtung der Geräuschquelle. Puh – Zum Glück nicht eingebrochen! Wir stehen nun im Schlafzimmer, das Bett ist bezogen, die halbgeöffneten Kleiderschränke geben den Blick auf Anzug und Jacke frei. Jetzt läuft mir vollends der Schauer über den Rücken! Ich muss hier raus! Wie durch einen Schleier nehme ich die Umgebung wahr und verlasse fluchtartig das Gebäude. Die Anwesenheit des Hausherren, so bilde ich es mir zumindest ein, ist so spürbar, dass ich befürchte, in den nächsten Sekunden Zeugin einer übernatürlichen Begegnung zu werden.

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Foto: Katrin Ostleitner

Als ich mich durch das Dickicht des Gartens zur Straße zurückgeschlagen habe, schaffe ich es endlich, erleichtert durchzuatmen. Was ist das bloß für eine seltsame Energie, die diesen Ort umgibt? Wir entscheiden uns den Spaziergang fortzusetzen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Die Eindrücke des Hauses lassen uns aber nicht so schnell los.

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Foto: Katrin Ostleitner

Fazit

Die Fantasie kann einem so manchen Streich spielen. Was entspricht der Wahrheit und welche Bilder entstehen nur in unserem Kopf? Wer es gerne etwas gruselig mag, der hat auch hierzulande viele Möglichkeiten, sich erschrecken zu lassen. Eigene Geschichten und Märchen zu den Orten zu erfinden und den verlassenen Plätzen somit neues Leben einzuhauchen. Und wer weiß: Vielleicht steckt hinter so mancher Vorahnung ja auch ein Funken Wahrheit?!

PS: Bitte achtet bei euren Erkundungen darauf, alles so zu hinterlassen wie es war, euch nicht gewaltsam Zutritt zu verschaffen  und somit den Reiz des Unbekannten auch für andere Abenteuerlustige zu bewahren.

 

Weekend-Bloggerin Katrin und ihr Freund Niko sind die meiste Zeit des Jahres in ihrem Transporter unterwegs, den sie zu einem Wohnmobil umgebaut haben. Von ihren Eindrücken und Erlebnissen, die die Burgenländerin unterwegs sammelt, berichtet sie regelmäßig auf weekend.at.

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