Julias Stadtgespräche: Khalid

Khalid ist im arabisch- und französischsprachigen Mauretanien aufgewachsen und hatte eine durchwachsene Kindheit und Jugend. Und auch die Jahre als junger Mann forderten viel Kraft. Krankheit und Rassismus sind nur zwei Überbegriffe, die Khalid im Detail kennengelernt hat. Inzwischen wohnt Khalid mit seiner Familie in Wien, wo ich ihn besucht habe und er mir von früher erzählte.

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Foto: Julia Koch

Julia: Khalid, wir probieren das auf Deutsch, ok? Oder Englisch, was ist dir lieber?

Khalid: Beides.

Julia: Gut. Wir fangen ganz vorne an: Wie heißt du?

Khalid: Ich heiße Khalid und Abderrahmane. Ich habe zwei Namen. Weil in Mauretanien gibt es so viele Leute, hat zwei Namen. Ein Name von dem Papa und eine andere von der Mama. Die Mama wählt einen Namen, und der Papa wählt einen Namen. Die Mama sagt zu mir Khalid, und der Papa Abderrahmane. Das ist normal in Mauretanien. Wenn du in Mauretanien jemanden siehst, der hat zwei Namen, das ist nicht unheimlich.

Julia: Unüblich ...

Khalid: Ja. Nicht unüblich. Das ist ganz normal.

Julia: Und wie stellst du dich vor?

Khalid: In der Schule ich nutze Abderrahmane, weil in meine Papiere steht Abderrahmane. In meine Reisepass. Aber wenn ich zuhause bin, alle Menschen rufen mich Khalid. Außer mein Papa, he calls me Abderrahmane. But my colleagues (in school) they call me Sall. (Anm.: Nachname)

Julia: Aber alle nennen deinen Sohn nur Amadou ...

Khalid: Ja. (Er lacht.)

Als der heute eineinhalbjährige Amadou geboren wurde, haben Khalids Freunde und Cousins alle gehofft, er würde nach ihnen benannt werden. Die Wahl war nicht einfach, fiel dann aber auf Amadou – der, den man liebt.

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Foto: Julia Koch

 

 

Khalid selbst war nicht viel älter als sein Sohn heute, als das Schicksal ihn zum ersten Mal beutelte.

Julia: Du hast mir erzählt, dass du noch sehr klein warst, als deine Mama gestorben ist. Wie alt warst du?

Khalid: Drei. Und dann war ich bei meine Tante Fama. When my Mom, when she died, first I was with my grandmother, but I was afraid of her. Then my aunt, she took me. And then when my father married another (woman), I was living with him for about a year.

Aber das war nicht so einfach für Khalid. Die neue Frau seines Vaters wollte den inzwischen Sechsjährigen nicht in die Familie aufnehmen. Die Geschichten, die Khalid mir erzählt, erinnern mich an die Märchen, die man mir früher vorgelesen hat, von Kindern und Stiefmüttern. Glücklicherweise hat Khalids Tante bemerkt, dass es ihm in der neuen Familie seines Vaters nicht gut ging und holte ihn zu sich zurück.

Khalid: My aunt Fama, she was like my Mom. She loved me, and still loves me. I called her my Mom, when I was a child. Maybe she can not replace my Mom, but with the affection, it looks like she was my Mom. And my cousins were like my brothers.

Julia: How many brothers, sisters or cousins do you have?

Khalid: I have sooooo many.

Julia: Ungefähr?

Khalid: Maybe forty. If I didn’t forget any. I have cousins in Spain, in France in Canada ... Meine Tante Fama hat nur zwei Kinder. Aber es gab andere Kinder bei uns im Haus, wir hatten gleiche Situation.

Zum Beispiel gab es da ein weiteres Kind, die Tochter einer Verwandten, die zuhause sehr unglücklich war und nach einem Besuch bei Fama und ihrer Familie dort bleiben wollte und durfte. So hatte Fama zwar nur zwei leibliche, aber insgesamt fünf Kinder.

Julia: Do you remember your childhood with your aunt and cousins as a happy childhood?

Khalid: Hm... Half half. I have great memories oft the appartment we lived together.  Es gab vielleicht fünf Raum und alle Raum waren zwei, drei Personen. We share the appartment and everything is ok. There is no argue, everything is fine. Wir hatten drei Häuser, wie ein triangle. Und ein Haus - it’s the große Haus – it’s where my aunt lived. And when we want to watch television we go there, and when we eat. But there is another house for the young. (Anm.: Jugendliche) And the third house is for the twenty, thirty year old. And this is also the house for the guest. Because manchmal we have Gast from another village for example. And they stay there for a year or so. That was nice.

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Foto: Julia Koch

 

Julia: Und was war nicht so toll?

Khalid: Sometimes es gab jealousy, Eifersucht, in school. Because I liked school, it was fun, it was really cool. And I was one of the best, and there were some boys, they were bigger, and sometimes they hit me. They did’t want me to learn. Sometimes when I was learning (Anm.: studying) they come and take my books and say: "It’s enough." They were really jealous. That was a side that I didn’t like. But I forgive them. I don’t forget this situation, but I forgive them. Because they were not ..., they didn’t know.

Aber Tante Fama war sehr stolz auf Khalid und die Familie unterstützte ihn in seiner schulischen Laufbahn. Auch als er sich nach einiger Zeit, in der er parallel die Koranschule und die französische Schule besucht hatte, für die französische Schule entschied.

Julia: Und für was in deiner Kindheit bist du am meisten dankbar?

Khalid: Was mir hat geholfen war, ist die Sozial ... Ich hatte viele ... Comment se dit connaissances?

Julia: Mh, Bekanntschaften?

Khalid: Ja, Bekanntschaften. And it helped me a lot. Because I was not alone. Never alone.

Das Eingebundensein in ein großes soziales Netz aus Familie und Freunden hat Khalid durch schwere Jahre gebracht. Eine ominöse Krankheit hat ihn als jungen Erwachsenen lange Zeit geschwächt. Eine falsche Diagnose verschlimmerte seinen Zustand so drastisch, dass er ein Jahr lang beinahe durchgehend im Bett lag und sich kaum rühren konnte.

Nur langsam verbesserte sich Khalids Verfassung, bis er so weit wieder stark genug war, um sein Studium der Geologie fortzusetzen. Khalid hatte gehört, dass in es in Kanada beispielsweise Arbeit für Geologen gab. Aber erst führte seine studentische Laufbahn ihn nach Frankreich, wo ihn die Liebe fand und weiter nach Österreich brachte.

So sitzen wir heute mit seiner Frau Johanna und seinem entzückenden Sohn in einer kleinen, feinen Wohnung in Wiens sechzehnten Bezirk und sprechen über das Glück der Familie und die Suche nach Arbeit.

Khalid: Juste un travail!

Das ist etwas, was sich Khalid am meisten wünscht: Arbeit. Und er hofft, sie hier zu finden.

Ich wünsche ihm, dass die Einbindung ins soziale und gesellschaftliche Netzwerk in der neuen Heimatstadt gut funktioniert und er sich bald heimisch fühlt!

 

Julia Koch ist Schauspielerin. Ihre Leidenschaft: Lebensgeschichten - nicht nur von Menschen, die im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen. Auf weekend.at präsentiert die in Wien lebende Vorarlbergerin ihre Stadtgespräche.

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