Heut’ fahr' ma schlüssellos

Freud und Leid von Keyless-Systemen: Seit einem halben Jahr fahre ich ein schlüsselloses Auto, und ich muss gestehen: Ich bin ein altmodischer Mensch. Gnadenlos entlarvt mich die moderne Technik als hoffnungslos antiquiertes Gewohnheitstier. Das einzige, was ich an dem neuen Mini ändern würde, ist der Schlüssel beziehungsweise die Schlüssellosigkeit.

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Wo früher das Zündschloss war, herrscht heute gähnende Leere Foto: Carmen Bischof
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Die Macht der Gewohnheit: Auch beim hundertsten Mal versucht man, den Schlüssel ins Zündschloss zu stecken Foto: Carmen Bischof
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So sexy wie der Ein-Aus-Knopf am Laptop: So schaltet man heute ein Auto ein Foto: Carmen Bischof
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Wo landet der Schlüssel? Provisorisch irgendwo Foto: Carmen Bischof

Natürlich verfügt der Mini über einen Schlüssel. Nicht nur in Wien empfiehlt es sich, ein Auto keinesfalls unversperrt auf der Straße stehen zu lassen. Das Auto behauptet nur, schlüssellos zu sein – beziehungsweise moderner gesagt, "keyless". Das ist eine wesentliche Errungenschaft des technischen Fortschritts, nur mich treibt sie in den Wahnsinn.

Der Nicht-Schlüssel sieht genauso aus wie jeder normale Schlüssel zu einem neuen Auto: ein Plastikknubbel, der hauptsächlich zwei Dinge kann. Erstens liegt er gut in der Hand, und zweitens hat er ein möglichst großes Firmenlogo. Für absolute Notfälle gibt es einen Mechanismus, der den Plastikknubbel dazu bringt, sich zu öffnen und einen "echten" Metallschlüssel preiszugeben.

Wehmütig spiele ich ab und zu mit dem Mechanismus und dem kleinen Metallschlüssel. Einen ähnlichen Schlüssel hat mein allererstes Auto gehabt, nur ohne Plastikknubbel drumherum. Es war zwar nur ein alter Polo, aber trotzdem habe ich ihn gern aufgesperrt. Noch lieber habe ich den Schlüssel mit einer lässigen Handbewegung nach rechts gedreht und das Auto gestartet. Auch wenn es nur ein alter Polo war, dieser kleine heftige Dreh nach rechts hat immer das Gefühl von "Hey! Ho! Let’s go!" vermittelt. Von innen sieht man das eigene Auto ja nicht, was in dem Fall auch besser war.

Mickrigen 45 Pferdestärken zum Trotz konnte man den Polo mit einem konsequent durchgestreckten rechten Bein regelmäßig Geschwindigkeiten abtrotzen, für die man von der Polizei angehalten wurde. "Fahrzeug- und Lenkerkontrolle." Der Polizist räuspert sich und fragt dann leise: "So schnell geht der?" Das war zwar peinlich, aber immerhin strafmildernd.

Es ist egal, ob es 45 oder 174 PS sind. Liebe zu einem Auto hat nichts mit Zahlen zu tun. Mit dem Be-Zahlen von Strafmandaten schon mehr.

Großvater! Du woast mei easta Freind, und des vagiss’ i nie …

Auch der alte Original-Mini, quasi der Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater des jetzigen, hat einen richtigen Schlüssel gehabt. Was heißt einen: drei! Alle drei Minischlüssel waren winzig, sonst hätten sie in dem kleinen Auto zu viel Platz weggenommen.

Schlüssel eins war zum Auf- und Zusperren der Türen. Wundersamerweise haben es die Engländer geschafft, rechts und links dasselbe Schloss zu verbauen und somit vier Schlüssel zu vermeiden. Für damalige Zeiten eine Meisterleistung der Ingenieurskunst.

Schlüssel zwei wurde ins Zündschloss gesteckt, damit man den Mini anlassen konnte. Wer auch immer später auf die Idee gekommen ist, für das Zusperren und das Anlassen eines Autos denselben Schlüssel zu verwenden, muss von seinen Kollegen für ein Genie gehalten worden sein.

Schlüssel drei war der zum Kofferraum, dessen Tür nicht nach oben aufgegangen ist, sondern nach unten. Auch eine Idee, auf die man erst einmal kommen muss.

Trotzdem: Die drei kleinen Metallschlüssel des Mini-Großvaters waren ein Erlebnis.

Keyless & Clueless

Der Schlüssel zum neuen "schlüssellosen" Mini vereint alle diese Funktionen in besagtem runden Plastikknubbel. Es gibt Keyless-Systeme, bei denen es genügt, den Schlüssel im Handtascherl oder in der Hosentasche zu haben und elegant mit dem Finger auf die Türklinke zu drücken. Das hat sowas wie Sesam-Öffne-Dich-Feeling, und sogar ich kann dem etwas abgewinnen.

Der Mini kann das nicht, ich habe es probiert. Blöderweise mitten auf der äußeren Mariahilfer Straße, seither denken sicher ein paar Passanten und Handyshop-Besitzer, dass ich versucht habe, ein Auto zu stehlen.

Beim Mini muss man den runden Plastikknubbel in die Hand nehmen, um beim Aufsperren den richtigen Knopf zu erwischen und nicht versehentlich den Kofferraum aufzumachen. Mit dem  Knubbel in der Hand setzt man sich ins Auto und versucht, den Schlüssel rechts neben das Lenkrad zu stecken. Nur: da ist nichts. "Keyless", schon vergessen?

Überschlagsmäßig habe ich das Auto in sechs Monaten ungefähr vierhundert Mal aufgesperrt. Jedes Mal, wirklich jedes, jedes Mal habe ich versucht, den Schlüssel ins Zündschloss zu stecken. Nur, da war keins. Nicht beim ersten Mal und nicht beim dreihundertsten Mal, und auch beim zehntausendsten Mal wird da nichts sein. Nur ich werd' mir noch zehntausendmal blöder vorkommen als jetzt schon.

Jahrzehntelang gelernte Bewegungen vergisst man offensichtlich nicht, beim Radfahren und Schwimmen nicht, und schon gar nicht beim Autofahren. Mit dem nutzlosen Schlüssel in der Hand sitze ich am Fahrersitz und suche ein gutes Plätzchen für ihn. Nur, wir sitzen in einem Mini, und die wenigen kleinen Ablageflächen sind schon für das Navi, das Handy, diverse Kabel, Make-up-Tascherl und Getränk reserviert.

Meistens lege ich den Schlüssel fürs erste provisorisch in den Schoß. So fahre ich dann hunderte Kilometer. Beim Aussteigen brauche ich ihn ohnehin wieder, ich muss ja zum Zusperren auf den richtigen Knopf drücken. Wieso die Bayrischen Motorenwerke mir das Zündschloss und so die perfekte Aufbewahrung für den Autoschlüssel weggenommen haben, ist mir schleierhaft.

Ich drücke auf den Startknopf und fahre los. Das ist ungefähr so sexy, wie einen Laptop hochzufahren, nämlich herzlich wenig.

In meinem Kopf singt der Ambros Wolferl: "Schlüss'l ham, des woar amoi wos, die Zeit is vorbei, heit foahr' ma schlüssellos."

 

Carmen Bischof ist gebürtige Murauerin ("die Stadt mit dem besten Bier", betont sie!), beruflich und privat gerne auf Reisen, beruflich in Sachen Vertriebssteuerung für die Senzor Industries AB aus Schweden unterwegs und privat auf der Suche nach schönen Orten, gutem Bier und lässigen Aktivitäten.

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