Sisu Moni

Moni wartet schon auf mich. Da sitzt sie und tippt an ihrem Handy herum. Pokémon, erklärt sie. Dann legen wir gleich mit dem Interview los.

Julia Koch Moni Wien
Foto: Julia Koch

Ich möchte wissen, für was Moni am meisten dankbar ist.

Für viel. Für alles. Ich hab eine Menge Schutzengeln um mich g’habt und hab’s noch immer.

Dabei hatte es Moni gar nicht immer leicht. Eigentlich nie.

Aufgewachsen ist sie in Wiens drittem Bezirk in einer großen Wohnung gemeinsam mit einer ganzen Wiener Großfamilie: Urgroßmutti, Großmutti, Mutti, Tante, vier Cousins und Stiefvati. Mit Letzterem war Moni aber nicht kompatibel, wie sie sagt. Der hat auch nicht mehr Wert auf mich g’legt als mein Vater!

Die Mutter musste arbeiten – Nachkriegszeit, nicht die rosigste Zeit. Also kam das Mädchen ins Internat. Der Horror. Moni rebellierte. Ihr Verhalten, ihr Stil und ihre Affinität zur ortsansässigen Jugend waren nicht passend für eine Schülerin des Mädcheninternats.

Nach Abschluss der Hotelfachschule in Bad Gleichenberg beschloss Moni, mit einem schwedischen Kellnerlehrling per Autostop nach Schweden zu fahren. Eigentlich wollte sie ja auf die Kanalinseln, was nicht klappte und so landete Moni eben in Schweden. Ist doch wurscht! Besser als am Grazer Schloßberg bleibn.

Die Mutter sagte dazu: I kann di eh ned anbinden. Du weißt was’d tust. Und wennst den Schädel anrennst, wirst es merken.

So kam es dann auch.

In Schweden musterte Moni an. Fährschiffe. Mädchen für alles. Mistarbeit und Aufwischen nach unsicherem Seegang. Sie war schließlich die Einzige, die nie seekrank wurde.

Ein Matrose nahm Moni dann mit an Land. Er entpuppte sich allerdings als Säufer mit Liebschaften in anderen Häfen und Moni machte Schluss mit ihm, trotz einer sich bereits bemerkbar machenden Schwangerschaft, die sie einfach ignorierte. Erst eine Freundin legte ihr dann einen Arzttermin nahe. Dazu kam es aber nicht mehr, denn die Tochter wurde noch zuvor geboren. Und zwar genau an einem der beiden arbeitsfreien Tage, die Moni hatte.

Als Moni das Krankenhaus, dessen Leistungen sie als nicht Versicherte nicht bezahlen konnte, nach zwei Tagen verließ, stand sie auf der Straße. So kam die kleine Birgit ins Heim und Moni schlich sich zu einer am Ozeandampfer arbeitenden Kollegin in die Kajüte, wo sie nachts schlafen konnte, solange das Schiff noch im Hafen lag.

In den folgenden Tagen lernte Moni Kauko kennen, einen unheimlich charismatischen und leidenschaftlichen Finnen, den sie heiratete. Kauko liebte Kinder, und so wurde Birgit aus dem Heim geholt und blieb erst beim Papa zuhause, kam dann aber bald zu den finnischen „Großeltern“, die dem Kind mehr bieten konnten als das junge Ehepaar. Moni und Kauko wohnten nämlich in einem alten Gründerzeit-Holzhaus, in dem jedes Mal, wenn der Zug vorbeiratterte, alle Türen aufflogen.

Moni arbeitete durchgehend – inzwischen in der Metallindustrie – als die einzige weibliche Brennerin in der Reparaturwerkstatt einer großen Schiffswerft. Schichtarbeit. Harte, körperliche Tätigkeiten. Kauko hingegen war hauptberuflich Säufer. Er war zwar super, der Kauko, wenn er nüchtern war. Der beste Mensch, den’s gibt. Und Moni imponierte es unglaublich, dass er alles zu können schien: kochen, Haare schneiden, nähen... In Schweden war das Saufen auch nicht so schlimm. Es kam eher einem Sport gleich. Aber mit der Zeit verwandelte der Alkohol den Strahlemann, und die Beziehung wurde für Moni zum Psychoterror.

Er war krankhaft eifersüchtig. Außerdem hielt er Moni vor, sich für etwas Besseres zu halten, als sie aufhörte, Alkohol zu trinken und zu rauchen. Kauko fehlte die Willensstärke dazu, und so musste er sie an ihr zerstören. Moni hatte abends Angst, schlafen zu gehen.

Sie packte Notfallstaschen die sie immer parat hatte, um unter gegeben Umständen gleich abhauen zu können. Die trägt sie heute noch bei sich. Immer alles dabei, was man so brauchen könnte.

Außerdem begann sie jedes Mal, wenn der dreckige, besoffene Kauko ihr nahekam, vom Zahnarzt zu sprechen. Allein das Erwähnen von Zahnhygiene führte dazu, dass Kauko in keinster Weise mehr an Sex denken konnte. So blieb Moni oft verschont.

Dennoch wurde Roy geboren. Diesmal Kaukos leibliches Kind. Und auch die finnisch sprechende Birgit kam als Sechsjährige dann wieder zur Mutter nach Schweden zurück, denn die falschen Großeltern sollten durch die bevorstehende Einschulung nicht herausfinden, dass Birgit nicht die leibliche Enkelin war.

Beide Kinder kamen tagsüber in Pflegefamilien. Besonders Birgit litt sowohl dort als auch beim Vater zuhause.

Schlussendlich nahm Moni das Hilfsangebot einer reichen Großtante aus Wien an und leitete im Geheimen die Scheidung ein, packte ein paar Kleinigkeiten, deren Fehlen Kauko nicht auffallen würde, und plante die Flucht zurück nach Österreich.

Birgit wollte in Schweden bleiben und wurde von einer liebvollen Familie aufgenommen, während Roy der Mutter vom Sozialamt im letzten Moment weggenommen wurde. Sie hatte keine andere Wahl, als ohne ihren Sohn das Land zu verlassen und kämpfte von Wien aus um das Sorgerecht, das sie nach vier langen Wochen endlich bekam.

Als Kauko bemerkte, dass Moni und die Kinder weg waren, wollte er sich von der schönsten Brücke der Stadt stürzen, wurde aber abgehalten. Er verlor endgültig das Sorgerecht.

Julia Koch Moni Wien
Foto: Julia Koch

Die Ankunftszeit in Wien war für Moni und Roy fürchterlich schwierig. Eine Zwangssituation. Möglicherweise entwickelten die beiden dadurch eine so enge Bindung, die bis heute anhält. Oft sieht Moni ihn an und sieht sich selbst.

Auch während unseres Gesprächs schickt Roy seiner Mutti wiederholt Nachrichten. Meist darüber, wo die nächsten Pokémons zu fangen sind.

Zu Birgit hatte Moni lange nur durch Briefe Kontakt. Jahre später kam es zu den ersten, seltenen Besuchen. Inzwischen hat Birgit selbst zwei Kinder. Stolz zeigt mir Moni am Smartphone ein Foto.

Zum Schluss lässt mich Moni noch zuschauen wie sie gegen ein neues Ungeheuer in der Pokémon-Welt kämpft. Wie wild tippt und streicht sie mit dem Finger über den kleinen Bildschirm. Ich beobachte ganz irritiert und frage nach dem System. Moni kennt es auch nicht. Man muss es einfach irgendwie versuchen. Sagt sie. Und tatsächlich explodiert nach einigen für mich sehr verwirrenden Minuten das gelbe Monster und zerstäubt in viele winzige Fetzchen. GEWONNEN! steht am Smartphone und Moni sagt: Na?! Siehst? So geht das!

Sisu. Fügt sie noch hinzu. Der finnische Begriff dafür, nie aufzugeben.

Julia Koch Moni Wien
Foto: Julia Koch

 

Julia Koch ist Schauspielerin. Ihre Leidenschaft: Lebensgeschichten - nicht nur von Menschen, die im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen. Auf weekend.at präsentiert die in Wien lebende Vorarlbergerin ihre Stadtgespräche.

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