Die schnellste Straße des Jahres

Fast ist 2017 um. Zeit, sich im Fahrersitz etwas zurückzulehnen und die Fahrerlebnisse des Jahres Revue passieren zu lassen. Wie jedes Jahr vergeben wir den Preis für die schnellste und die langsamste Straße des Jahres.

Banska Stiavnica in der Slowakei - Cover
Foto: Carmen Bischof

Kittsee schaltet den Zeitraffer ein

Im Slowakischen können sogar ganze Sätze ohne Vokale gebildet werden. "Strc prst skrc krk" ist einer davon, vielleicht der berühmteste. Manche Buchstaben sind noch mit Hakerln verziert, die meine Tastatur nicht bietet und an deren genaue Platzierung ich mich nicht erinnern kann. Wer diese Zungenbrecher täglich mit Bravour bewältigt, kann vor so Kleinigkeiten wie Autofahren keine Angst mehr haben.

Das Prädikat "Schnellste Straße des Jahres" geht an eine slowakische Autobahn, die nach Bratislava in ein hübsches Städtchen namens Banska Stiavnica führt. Soweit ich mich erinnern kann, sind hier keine Hakerln auf den Buchstaben, und mit etwas Übung ist der Name aussprechbar. In Barockzeiten war Banska Stiavnica berühmt für das dort abgebaute Silber, und das sehr dekorative Stadtzentrum zeugt von dem ehemaligen Reichtum. Angelockt von dieser historischen Schönheit und der Aussicht auf tadelloses Bier brechen wir auf.

Schon vor Kittsee wird zügig gefahren. Sobald man von der A4 abbiegt, beginnt eine relativ neue und sensationell leere Autobahn. Große Audis überholen mit einer Großzügigkeit, vor der man nur den Hut ziehen könnte – wenn man beim Autofahren einen Hut tragen würde. Wir sind zwar keine Hutfahrer, trotzdem sind die Geschwindigkeiten der Einheimischen für uns beeindruckend.

Zwanzig Kilometer vor dem Ziel treffen wir einen einheimischen Freund. "Ahoj", sagt er. Es gibt zwar weit und breit kein Meer in der Slowakei, aber so grüßt man hier. "Einfach mir nachfahren, ich fahre eine Abkürzung", meint er, steigt ein, knallt entschlossen die Wagentür zu, startet und braust davon. Wir fahren nach, wobei wir seine Beschreibung "einfach" schon nach der zweiten Kurve für einen Scherz halten. Die Autobahn haben wir verlassen, und die Abkürzung stellt sich als lockere Folge von Landesstraßen und Güterwegen heraus.

Am Ziel angekommen stiegen wir aus. Wider Erwarten haben wir keine Lust auf Bier. Wir BRAUCHEN ein Bier. Jetzt.

Bier renkt alles wieder ein, insbesondere in Kombination mit leichtem Essen wie Stelzen, die in der Slowakei einen unaussprechlichen Namen haben und übersetzt so viel wie "Knie" heißen. Die vegetarische Option ist "smazeny syr". Dahinter verbirgt sich ein riesiges Stück panierter Käse, der mit Pommes serviert wird. Die heißen "hranolky" und nach dem Menü geht es uns allen besser.

Außerhalb von Banska Stiavnica entscheiden wir uns alle für einen spontanen Verdauungsspaziergang. Der Himmel ist riesig und mit unzähligen Sternen verziert. "Wahnsinn", sage ich bewundernd, "so ein schönes Land, und so schnelle Straßen".

Für Griechenland

Dass ich in der Slowakei zu den Langsam-Fahrern gehöre, hat historische Gründe. Vor Jahren hat man mich mit einem Dienstwagen in die Slowakei geschickt. Unglücklicherweise war selbiger eine Staatskarosse von riesigen Ausmaßen, doch sogar diese wurde von allen anderen wiederholt. Sobald ich mich dann geschwindigkeitsmäßig der Allgemeinheit angepasst hatte, dreht sich plötzlich ein Blaulicht. Zwei Beamte halten mich auf.

"100 Euro", sagt der erste Beamte und inspiziert meinen Führerschein. Ich inspiziere die Dienstmarken, die sehr offiziell aussehen. Allein, dass alle anderen Verkehrsteilnehmer plötzlich auffällig langsam fahren, spricht schon dafür, dass die Beamten echt sind.

Immer wieder wandern die Blicke der beiden vom Führerschein zum Auto und dann zu mir. "Wie kommt sie zu der Karosse", könnte ich sie denken hören, wäre ich in der Lage, slowakische Gedanken zu verstehen. Ich suche in meiner Geldbörse. "So viel Geld habe ich nie in bar mit."

Die beiden beratschlagen. "50", sagt dann der zweite Beamte, was ihm einen bösen Blick vom Kollegen einbringt. Immer liest man von Opfern polizeilicher Willkür und plötzlich bin ich ein Nutznießer. Ich bezahle und bekomme eine mehrfach abgestempelte Bescheinigung. Beamter eins stellt sich extra mit einem Warnzeichen hin, um mir die problemlose Wiedereingliederung ins Autobahn-Geschehen zu ermöglichen. "Gute Fahrt", sagt der zweite Kollege. "Das Geld ist nicht für uns in der Slowakei. Geht alles nach Griechenland."

In der Slowakei, ich gebe es zu, bin ich seither der einzige Schleicher, der immer 10 km/h unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Limit fährt. Das schädigt zwar das griechische Budget, hilft aber meinem eigenen.

 

Carmen Bischof ist gebürtige Murauerin ("die Stadt mit dem besten Bier", betont sie!), beruflich und privat gerne auf Reisen, beruflich in Sachen Vertriebssteuerung für die Senzor Industries AB aus Schweden unterwegs und privat auf der Suche nach schönen Orten, gutem Bier und lässigen Aktivitäten.

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