(K) ein bisschen gruslig: Vom Reiz verlassener Orte

Wieso mich die "Abandoned Places" so in ihren Bann gezogen haben und warum ich - trotz fehlendem Gänsehaut-Gefühl - auch weiterhin nach ihnen Ausschau halten werde.

Abandoned - Cover
Foto: Rafaela Khodai

Sie sind auf der ganzen Welt verteilt. Ich lese auf Blogs von ihnen, höre Geschichten, entdecke sie in beiläufigen Erwähnungen – nur in Reiseführern sind sie selten zu finden. Und doch sind die Lost Places, die ich auf meinem bisherigen Digitale-Nomaden-Leben erforscht habe, mit die coolsten Orte, die ich je gesehen habe.

Gehört, gesehen, für gut befunden

Ein verfallener Wasserpark in Vietnam nahe der ehemaligen Königsstadt Hue, war mein erstes Urban-Exploring-Abenteuer. Freunde haben mir davon erzählt: dass niemand wüsste, wem die gigantische Anlage gehört oder wieso sie geschlossen wurde. Sie erzählten von den mit brakigem Wasser gefüllten Aquarien und den lebendigen Krokodilen, die - einst Highlight der Tierausstellung - einfach zurückgelassen wurden und seitdem zwischen Morast, Exkrementen und Müll dahinvegetieren. Von den algengrünen Swimmingpools und dem unheimlichen Familienporträt, das über die ehemalige Empfangshalle wacht. Und von der Gänsehaut, die sie hatten, als sie durch leere Hallen und durch den trübgrauen Aquarientunnel wanderten, von dem schaurigen Gefühl, dass sie in ein Reich eingedrungen waren, in dem sie eigentlich nichts zu suchen hatten.

Beeindruckend weitläufig

Doch als ich dann selber vor den eindrucksvollen Toren des verlassenen Wasserparks stand, erblickte ich als erstes einen Einheimischen, der Eintritt kassiert von allen Touristen, die ihn nach dem Preis fragen. Ich fuhr mit meinem Mietroller an ihm vorbei - und musste drinnen an einem improvisierten Parkplatz prompt eine Parkgebühr an eine Schar Kinder abdrücken! Unverschämt, aber nicht gerade unheimlich ...

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Foto: Rafaela Khodai

Auch als ich dann durch die Gänge und Tunnel der massiven Drachenfigur streifte, die über der Anlage wacht, wartete ich vergeblich auf das erhoffte Gänsehaut-Gefühl. Deshalb war ich aber nicht weniger beeindruckt von der schieren Größe des Parks, von der stillen Poollandschaft und den moosbewachsenen Rutschen. Auch der verlassene Vergnügungspark auf Bali, den ich als nächstes besuchte, faszinierte mich vor allem, weil das Gelände so riesig war. Stundenlang wanderte ich durch mit kunstvollen Graffitis verzierte Hallen, durch Säle mit nackten Gerüsten statt Decken. Durch ein Kino, in dem die Leinwand zu einem schimmligen Haufen am Boden zusammengefallen war, bis zu einem gigantischen Amphitheater, dessen steinerne Sitze mit Schlingpflanzen und Unkraut überwuchert waren.

Hotel-Horror in echt

Ganz anders war das "Ghost Palace Hotel", ebenfalls auf Bali. In der nie eröffneten, aber bis ins Detail vollendeten Luxusresidenz gab es keine Sprayerei an den Wänden; stattdessen endlose Zimmerfluchten, kunstvoll gestaltete Außenanlagen, morsche Holzstiegen und marmorne Empfangstheken. Und Gänge wie aus dem Horror-Klassiker "Shining". Hier kam ich dem erhofften Gruselgefühl am nächsten - wohl aufgrund der fehlenden Spuren anderer Entdecker, aufgrund der düsteren Nebelschwaden, in die sich der Komplex hüllt, und ganz bestimmt auch ein bisschen wegen dem erwähnten Horror-Klassiker.

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Foto: Rafaela Khodai

Was genau macht den Reiz aus?

Es ist dieser Hauch der Vergangenheit, der mich berührt, der Zauber jener Orte, die nicht so geplant waren, wie wir sie jetzt vorfinden, in denen es keine Regeln, keine Aufseher, keine Verbotsschilder mehr gibt. Orte, die geformt sind von Geschichten und Mythen, von Graffiti-Sprayern und Reisenden, die Spuren hinterlassen und dafür Geschichten mit nach Hause genommen haben. Und es ist die Suche nach dem einen, neuen, unbekannten Ort, der meinem von Instagram-Bildern und Travelblogs verstopftem Hirn frischen Content bietet, den ich abseits der "klassischen Sehenswürdigkeiten" zu finden hoffe. Der eine Ort, der nicht vergleichbar ist mit etwas, das ich schon hundertmal bei anderen wo anders gesehen habe, der noch nicht wissenschaftlich entmystifiziert und totgebloggt ist. Bisher habe ich diesen Ort schon unzählige Male gefunden - und ihn unzählige Male wieder verloren; wie Wasser, das durch hohle Hände rinnt. Je länger ich reise, je mehr ich sehe, desto schwerer wird es, ihn zu finden. Aber ich suche weiter - nach dem nächsten einzigartigen Ort, auch wenn dieser vielleicht nur für einen Moment einzigartig bleibt.

 

Weekend-Bloggerin Rafaela Khodai ist als freie Journalistin und Autorin tätig. Ihre große Leidenschaft ist das Schreiben, ihre Lieblingsdestination Südostasien. Ihre Reise-Eindrücke und -Erlebnisse hält sie in ihren Beiträgen fest.

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