Italien: Fahren lernen im Land der 1.000 Kreisverkehre!

Das Ende von La Dolce Vita: Ich und ein italienischer Kollege unterwegs in einem Alfa 159 in und um Mailand. Ob das gut geht?

Carmen Bischof Italien
Fahrverbote, wo außer Italienern niemand fahren würde Foto: Carmen Bischof

“Carmen?” fragt ein stattlicher braungebrannter Mann im feinsten Zwirn und hebt das Empfangsschild mit meinem Namen. “Si!” strahle ich. Der erste italienische Dialog ist geschafft. “Maurizio. Andiamo”, das verstehe ich. Gemma.

So beginnt das mit Maurizio und mir: durchwachsen. Er, misserfolgsgeplagter Manager der Mailänder Tochterfirma, ich Abgesandte der Firmenzentrale, für ein paar Monate seine Unterstützung. Nur Hilfestellung, keine Kontrolle. Wir finden uns auf denkbar engem Raum wieder, Maurizio am Steuer seines Alfa 159, ich auf dem Beifahrersitz. Der Alfa ist einer der letzten seiner Art, ganzer Stolz Mailands und von der Turiner Firmenzentrale aus Grausamkeit nach wenigen Jahren eingestellt. Ohne Firmenzentralen wäre Maurizios Leben besser.

Er spricht kaum Englisch und noch weniger Deutsch. Mein Italienisch beschränkt sich auf die Nahrungs- und Kleidungsbeschaffung. "Troppo caro", also "zu teuer", kann ich immerhin. Mein Auftrag: gemeinsam mit Maurizio Kunden rund um Mailand besuchen und rasch ein strategisches Wunder erwirken, denn die italienische Tochter steht mit beiden Beinen fest am Abgrund.

Mailand - schön ist woanders

Meine Freundinnen haben Visionen von Prosecco, Strand, Sonnenuntergang. "Du fährst nach Italien!" Die Realität sind Lagerhäuser, Mautstationen und 1.000 Kreisverkehre. Alles auf Italienisch, klar, aber doch mit der Romantik von Mautstationen. Mailand ist das stolze Wirtschaftszentrum Italiens. Schön ist woanders: Rom, Neapel, Cinqueterre, Sardinien, Capri, Sizilien. Hier ist der ökonomische Motor, mitten im Wahnsinnsverkehr. Wer nicht alle fünf Minuten schockiert denkt, "so kann man also auch fahren", ist nicht wirklich in Italien unterwegs. Parkplätze werden nicht gesucht, sondern spontan erschaffen.

Carmen Bischof Italien
In Italien werden Parkplätze nicht gefunden, sondern erfunden Foto: Carmen Bischof

Beim ersten Kunden spricht Maurizio für mich oder vermutlich über mich, die “straniera” (Ausländerin). Mit ausladenden Bewegungen werden die haarsträubenden Mängel unserer Produkte gezeigt, Maurizio verteidigt vehement, ich suche nach einer italienischen Entschuldigung, aber da ist man sich schon einig. “Akzeptiert”, strahlt Maurizio, “jetzt Essen.”

Das Dessert beendet Essen und Reklamation, denn ein voller Magen löst alle Probleme. Im Alfa rekapituliert Maurizio alles für die "straniera" mit pantomimischer Unterstützung und intensivem Blickkontakt. Dank des Mailänder Stoßverkehrs kommen wir selten über den dritten Gang hinaus und fast nie in den Bereich der Lebensgefahr. Rom mag die ewige Stadt sein, Mailand ist die Stadt des ewigen Staus.

Obwohl sie unter einem Konzerndach vereint leben, sind der Turiner Fiat und der Mailänder Alfa natürliche Feinde, und so ist es auch ein Fiat, der unseren Alfa ins Out zu befördern droht. Nicht dass ein spontaner Wechsel über drei Spuren hier ungewöhnlich wäre, neu ist nur, dass Maurizio auf den Pannenstreifen ausweichen muss. Ich bin nicht zimperlich, aber nach der Aktion schweißnass. "Vaffanculo!" brüllt Maurizio dem Fiat nach und schaut wieder mehr auf die Straße als auf mich. "Was heißt das?" - "Ah, dummer Mensch."

"Die Mutter aller Idioten"

Nach Wochen geht es der Firma unverändert schlecht, nur mein Italienisch verbessert sich. "Cretino" heißt einer, der sich bei der Mautstation falsch einreiht und reversieren muss. "Cazzo" ist ein langsamer LKW-Fahrer, "Cazzone" ein langsam überholender LKW-Fahrer. "Porca miseria" ein langsam fahrender Pensionist, "Idiota" hingegen ein Lenker, der schneller als Maurizio und folglich zu schnell unterwegs ist. Mit "Stranieri" sind Touristen in Leihwägen und Holländer mit Wohnmobilen gemeint.

"La mamma degli imbecili e sempre incinta", fasst Maurizio melancholisch zusammen - "Die Mutter aller Idioten ist immer schwanger." Täglich gibt es mehr davon. Wenn sie nicht im Auto sitzen, dann machen sie mit uns Geschäfte.

Uns bringt nichts mehr auseinander

Nichts schweißt so sehr zusammen wie gemeinsam durchgestandene Nahtod-Erlebnisse, und so verstehen wir uns bald hervorragend. Unsere stattliche Liste an Errungenschaften kann sich sehen lassen: 8.954 Alfa-Kilometer bei durchschnittlich 56,4 km/h. Am 185 PS-Benzinmotor liegt es nicht. Über 50 Kundenbesuche belegen, dass der vermutete Abgrund zum Greifen nahe ist. Unsere Empfehlungen füllen Seiten und gipfeln in der flehentlichen Bitte nach finanziellen Mitteln. Außerdem kann ich fluchen wie ein italienischer Taxler.

"Wieviel Geld brauchst du?", frage ich.

Maurizio überlegt und übersieht dabei einen Kleinlaster, der ruckartig auf Null gebremst hat. "Minchia!" schreit er.

“Dummer Kerl?”

“N-nein."

"Trottel?"

"Eher wie 'cazzo’”, murmelt Maurizio verlegen, deutet vage nach unten und schaut erstmals nur auf die Straße.

"Cazzo? Die männliche Anatomie endet auf A, also weiblich? La minchia?" Ich muss es jetzt genau wissen, obwohl wir gerade konzentriert die sechzehnte Stazione Alt des Tages passieren.

"Ja, stimmt es. La minchia. Nicht verwenden, bitte."

"Ein weibliches Wort für das Allermännlichste?" Ich begreife die italienische Logik nie. "Warum?"

Auch dafür hat Maurizio keine Erklärung. Ich lenke ab und erzähle von Fendrichs "Strada del Sole", die österreichischen Teile in schlechtem Italienisch. Bei der Zeile "Dann is’ er no’ antanzt mit Alfa Romeo-o-o-o-o" lacht Maurizio versöhnt, und der Alfa durchtanzt einen weiteren Kreisverkehr.

Tempi Passati

Bei unserem abschließenden Ausflug habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht. Die Finanzspritze wird gewährt, dafür wird die Hilfe in Form der "straniera" abgezogen. Eigentlich auch eine gute Nachricht, scherze ich über den Abschiedsschmerz hinweg. Maurizio wirkt noch trauriger als sonst. Schließlich dreht er sich zu mir.

"Sie zahlen. Und geben eine Golf. Eine WOLKS-WAGEN!"

“Und der Alfa?” frage ich fassungslos.

"Tempi passati." Der Alfa ist somit Geschichte.

Mir fällt kein richtiger Trost ein, nur eine Liste deutscher Schimpfwörter kann ich anbieten.

"Gibt nur eines! S-keisse, S-keisse, alles S-keisse, alles S-keisse-Wolks-S-keisse-Wagen!”

In dem Moment bremst uns ein gelber Lamborghini aufs Brutalste aus, und ich lerne die schönste Zornestirade aller Zeiten: "Vai, testino di vitello fritto!!!!"

Seither werfe ich inkompetenten Autofahrern in Wienerischer Übersetzung ein liebevolles "Geh schleich di, du klana frittierter Kalbsschädl" an ebendiesen.

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Nostalgische Erinnerung an die Lira Foto: Carmen Bischof

 

Carmen Bischof ist gebürtige Murauerin ("die Stadt mit dem besten Bier", betont sie!), beruflich und privat gerne auf Reisen, beruflich in Sachen Vertriebssteuerung für die Senzor Industries AB aus Schweden unterwegs und privat auf der Suche nach schönen Orten, gutem Bier und lässigen Aktivitäten.

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Kommentare 1

  • mi05039g    13.07.2017 09:12:40 Permalink

    das autofahren in mailand ist weniger agressiv als in österreich wo jeder stur auf seine "sogenannten" rechte beharrt und kreisverkehre vermehren sich auch bei uns von tag zu tsg auch wo sie komplett unnötig sind